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Walter Jens : Es muss ja nicht gerade heute passieren

„Mein Leben war lang und erfüllt”: Walter Jens im Mai 2007 Bild: AP

Walter Jens ist dement. Wie erleben seine Angehörigen die Pflege eines Mannes, der öffentlich den selbstbestimmten Tod gefordert hatte, um dem Dahindämmern zu entgehen? Tilman und Inge Jens schreiben über ihre Erfahrungen mit der Krankheit ihres Vaters und Ehemanns.

          5 Min.

          Der Hass, der diesem Buch entgegenschlägt, der Eifer, es als Teufelswerk eines Geltungssüchtigen hinzustellen – dieser Affekt der Kritik macht neugierig. Ob man sich, statt wutschnaubend über die Motive des Autors zu spekulieren, nicht mit dem Buch beschäftigen könnte?

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Walter Jens, legendärer Rhetor der Nation, ist dement, geistig verwirrt – und sein Sohn schreibt die Krankenakte, liefert das Porträt seines dahindämmernden Vaters, der allmählich Sprache und Gedächtnis verliert. Nein, das Buch ist keine Denunziation, keine Aburteilung, keine Abfertigung. Der Sohn geht hart mit dem Vater ins Gericht – ja. Aber doch nicht, ohne über sich selbst Gericht zu halten, über sein eigenes Kneifen davor, dem Vater die zeitlebens benutzten bequemen Metaphern zu entreißen und ihn in die unliebsame Wirklichkeit zu zwingen. Die unterschwellige Vater-Sohn-Problematik wird, mit anderen Worten, systemisch angegangen, ganz so, wie Familientherapeuten es gerne sehen. Darf dieser Sohn Tilman Jens seinen Vater Walter Jens, der noch lebt und sich nicht wehren kann, derart in seiner Schwäche vorführen? So fragt man jetzt allerorten und lässt über dieser Frage den Text selbst kaum zu Wort kommen. Überlassen wir die „Darf der das?“-Frage der mutmaßlich robusten Psyche des Autors. Dessen sehr weitgehende Bereitschaft, Vertrauensverhältnisse zu vergegenständlichen, mag beunruhigen. Der Text indessen will so genommen werden, wie er da steht.

          Flucht in die Demenz: Um der Debatte um NSDAP-Mitgliedschaft zu entgehen?

          „War es wirklich ein Zufall – an den Du, der Kenner, Interpret und Übersetzer antiker Tragödien, ohnehin nie geglaubt hast –, dass Dich das große Vergessen, die Demenz, der heimtückische Nebel, so hat es John Bayley gesagt, just in dem Augenblick überkam, als ein philologisches Fachlexikon die Existenz der NSDAP-Mitgliedskarte 9265911 offenbarte?“ So die rhetorische Frage von Tilman Jens an seinen Vater. Der Autor hat die fixe Idee, Walter Jens sei 2004 in die Demenz geflohen, um der Debatte über seine kurz zuvor gefundene NSDAP-Mitgliedschaftskarte zu entgehen.

          Inge und Walter Jens im Oktober 2005 auf der Frankfurter Buchmesse

          Bestechend wird das Buch, wo es die unergiebige These von der Krankheit als Verdrängungsleistung hinter sich lässt und zu seinem Thema findet: Wie begegnet man einem geistig verwirrten Menschen, von dem bekannt ist, dass er genau diesen Zustand des Verwirrtseins, des nicht mehr Sprechen- und Schreibenkönnens, nie erleben, sondern lieber aktive Sterbehilfe erfahren wollte? Darin liegt die Brisanz der Causa Jens: Er hat öffentlich den „selbstbestimmten Tod“ gefordert, „statt als ein dem Gespött preisgegebenes Etwas zu sterben, das nur von fernher an mich erinnert“. Damit war auch die Situation des Demenzkranken gemeint, in der er nun selber steckt, ohne freilich dadurch nach Einschätzung seiner Angehörigen zu einem „Etwas“, zu einer Unperson geworden zu sein.

          Das Gesagte und das Gemeinte

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