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Walser, Lenz und Hildebrandt : All diese Karteikarten der NSDAP

„Nicht zur Veröffentlichung!“

Martin Walser hat sich eine Kopie der ihn betreffenden Karteikarte vom Bundesarchiv schicken lassen. Außerdem liegt ihm ein weiteres Dokument aus Berlin vor. Unter den Vermerken „Vertraulich!“ und „Nicht zur Veröffentlichung!“ steht die Datumszeile „München, 11. Januar 1944“. Es handelt sich um das Reichsverfügungsblatt der Partei-Kanzlei mit der Anordnung 8/44: „Betrifft: Aufnahme der Angehörigen der Jahrgänge 1926 und 1927 in die NSDAP und ihre Überweisung in die Gliederung“.

In diesem Dokument, unterzeichnet am 8. Januar 1944 im Führerhauptquartier von Martin Bormann, wird zunächst festgehalten, dass Hitler entschieden hatte, das Aufnahmealter für Parteimitglieder von achtzehn auf siebzehn Jahre herabzusetzen: „Dies geschieht erstmals im Jahre 1944 für die Jungen und Mädels des Geburtsjahrganges 1927“. Dann erfolgt eine moralisierende Ermahnung: „Die Herabsetzung des Aufnahmealters macht eine noch sorgfältigere Auslese als bisher erforderlich. Die Hoheitsträger und die Jugendführer müssen sich der großen Verantwortung bewusst sein, die sie der Bewegung und den Jugendlichen gegenüber durch ihre Entscheidung übernehmen.“ Verlautbarungen wie diese sind als Indiz für die sorgfältige und individuelle Auswahl der jungen Parteimitglieder interpretiert worden, als habe die Partei noch 1944 und später ausschließlich die Elite der Nation in der Partei versammeln wollen. Die „große Verantwortung“ hat allerdings nicht verhindert, dass dieselben Jugendlichen als Kanonenfutter in den Tod geschickt wurden.

Willen zur vollständigen Erfassung

Dann, im Abschnitt B der Anordnung, folgt eine Passage, die nicht auf sorgfältige Auslese, sondern im Gegenteil auf den Willen zur vollständigen Erfassung einer ganzen Generation schließen lässt: „Sämtliche Angehörige der Jahrgänge 1926 und 1927 mit Ausnahme der weiterhin als Führer in der Hitler-Jugend verbleibenden Jugendlichen sind verpflichtet, eine Erklärung darüber abzugeben, welcher Gliederung sie beitreten wollen. Die Namen und Anschriften dieser Jugendlichen sind durch die Einheitenführer der Hitler-Jugend den örtlichen Führern der betreffenden Gliederungen listenmäßig zu übermitteln.“

Martin Walser sieht darin ein eindeutiges Indiz, dass lokale Instanzen gehalten waren, möglichst umfangreiche Namenslisten zu erstellen. Dass dies immer im Einvernehmen mit den Betroffenen geschah, glaubt er nicht: „Wenn ich hätte eine ,Gliederung wählen müssen, hätte ich wahrscheinlich das NSKK, das Nationalsozialistische Kraftfahrerkorps, gewählt, weil ich gerne Motorrad gefahren bin.“

Zum größten Teil vernichtet und verloren

Die Überweisung der HJ-Mitglieder in die Partei hatte laut Anordnung 8/44 „nicht vor Vollendung des 18. Lebensjahres bzw. nicht vor der Entlassung aus der Jugenddienstpflicht“ zu erfolgen. Ihre Karteikarten vermerken für Walser, Hildebrandt und Lenz den 20. April 1944 als Tag der Aufnahme in die NSDAP. Zu diesem Zeitpunkt war Dieter Hildebrandt sechzehn Jahre alt, und Martin Walsers siebzehnter Geburtstag lag keine vier Wochen zurück. Siegfried Lenz war zwar achtzehn, aber anders als von der Partei-Kanzlei vorgesehen nicht beim Jugenddienst verpflichtet, sondern bereits Soldat der Kriegsmarine.

Hans-Dieter Kreikamp, der zuständige Abteilungsleiter im Berliner Bundesarchiv, hält es für unwahrscheinlich, dass Aufnahmen in die NSDAP ohne schriftlichen Antrag mit eigenhändiger Unterschrift erfolgt seien. Aber die Aufnahmeanträge sind zum größten Teil vernichtet und verloren. Eine Überprüfung im Einzelfall ist nur noch selten möglich. Martin Walser glaubt, dass der Standortführer von Wasserburg, „ein fanatischer Nazi“, ihn und andere seines Jahrgangs ohne ihr Wissen für die Partei gemeldet habe. Es ist paradox: Nach jahrzehntelanger historischer Forschung ist uns das Nazi-Regime so fern, dass wir nicht einmal exakt klären können, unter welchen Umständen die NSDAP als dessen größte Organisation ihre Mitglieder rekrutierte. Und gleichzeitig ist es uns so bedrückend nah, dass wir glauben, wir könnten und müssten von jedem Zeitzeugen genaueste Rechenschaft verlangen.

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