https://www.faz.net/-gqz-afzxa

Surrealismus mit Sophie Calle : Meisterin der (un)sinnigen Gedanken

Die ausgestopfte Giraffe an der Wand trägt den Namen der Mutter: „Monique sieht auf mich herab, ironisch und traurig.“ Bild: Verlag

Nicht nur in den Geschichten selbst entfaltet die französische Künstlerin Sophie Calle ein Verwirrspiel der besonderen Art, auch der Zyklus ihrer kleinen surrealistischen Geschichte sprengt alle Synapsen des Alltäglichen.

          4 Min.

          Es stimmt nicht ganz, dass „Des histoires vraies“ von Sophie Calle jetzt zum ersten Mal überhaupt auf Deutsch erscheinen. Im Jahr 2004 publizierte der Prestel Verlag sechsunddreißig von ihnen, übersetzt von Elke Bahr und Sebastian Viebahn. Denn diese „Wahren Geschichten“ sind ein work in progress, das die Künstlerin seit 1994 auf Französisch publiziert, jedes Mal durch neue Storys ergänzt. Die aktuelle Ausgabe ist in Frankreich 2020 als „Des histoires vraies – 63 récits“ erschienen. Nun sind es bei Suhrkamp „65 Erzählungen“, ins Deutsche übersetzt von Sabine Erbrich, zwei weitere sind also hinzugekommen; welche das sind, wird nicht mitgeteilt.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Was heißt aber schon – wahr? Und überhaupt bei Sophie Calle, dieser groß- und einzigartigen Verwirrspielerin unter den zeitgenössischen Künstlerinnen? Es heißt jedenfalls nicht – wirklich so passiert. Jede dieser Kürzestgeschichten besteht aus einem Foto und einem Text, immer auf nur zwei Buchseiten nebeneinander oder das Bild über den Text gestellt. Sie haben auch ganz brav alle eine Überschrift, nichts ist in formaler Hinsicht an ihnen – falsch.

          Die erste Geschichte heißt „Das Porträt“; sie beginnt mit dem Satz: „Ich war neun Jahre alt.“ Man hätte erwarten können, dass sich Sophie Calle dazu selbst in irgendeinem ihrer diversen Aggregat­zustände abbildet, was sie in einigen der Geschichten ja durchaus tut. Zu sehen ist aber in Schwarz-Weiß, gehängt vor einer kahlen Wand, an deren unterem Rand eine banale Steckdose auftaucht, das Brustporträt einer jungen Frau im Halbprofil auf „einer altniederländischen Malerei, datiert auf das ausgehende fünfzehnte Jahrhundert, mit dem Titel ,Luce de Montfort‘“. Wo immer Sophie Calle diesen Namen hernimmt, er ist hübsch.

          Bild: Suhrkamp Verlag

          In Wahrheit oder Wirklichkeit handelt es sich um eine übrigens ausschnitthafte, vermutlich fotografische Reproduktion von Rogier van der Weydens berühmtem „Bildnis einer jungen Frau“, deren Wams im Original außerdem auch nicht „rosafarben“ ist, wie die Blütenträume junger Frauen es sein mögen und wie Sophie Calle es behauptet. Und der récit daneben berichtet von der Skepsis der Erzählerin, ihren „leiblichen Vater“ betreffend. Was freilich stimmt: Die junge Frau auf dem alten Porträt hat „den Blick auf den Betrachter gerichtet“.

          Auf diese bemerkenswerte Weise gewarnt, wird klar, dass genauso der Blick der Künstlerin auf den Betrachter oder die Betrachterin, auf den Leser oder die Leserin in allen Geschichten entscheidend ist; sollen sie sich doch ihren Reim darauf machen. Es sind (fast) sämtlich „Ich“-Geschichten; viele ließen sich unerhörte Begebenheiten nennen, komprimiert auf ein paar Zeilen. In „Die Nase“ wollen die Großeltern „ein paar Makel“ der Enkelin korrigieren lassen; der Schönheitschirurg bringt sich zwei Tage vor der Operation um, womit sich das Problem erledigt hat. In „Die Wunderbrüste“, sicher eine der früheren Erzählungen (das dazugehörige Brust-Foto fand sich schon auf dem Cover der „Wahren Geschichten“ von 2004), diagnostiziert Sophie Calle, dass ihr Busen sich 1992 plötzlich verwandelt habe: „Ganz allein, ohne Eingriff oder äußere Einflussnahme, auf wundersame Weise. Ich schwöre es. Siegreich, aber nicht sonderlich überrascht, schrieb ich diese Leistung zwanzig Jahren Frustration, Begehren, Träumereien und Seufzern zu.“ Im Jahr 1992 war Sophie Calle neununddreißig Jahre alt. Wie immer das ein Geständnis sein mag, die Formel „Ich schwöre es“ darf man, so verstört wie amüsiert, vergessen.

          F.A.Z. Frühdenker – Der Newsletter für Deutschland

          Werktags um 6.30 Uhr

          ANMELDEN

          Wie vielleicht auch die aberwitzige Begegnung mit „Mose“, dem verwaisten Jungstier auf der Wiese vor ihrem Fen­ster, von dem sie sich ihre Brüste lecken lässt. Oder vielleicht doch – wahr? Schließlich gibt es auch dazu ein Farbfoto, wer immer es wie auch immer gemacht haben mag; zu den Urhebern der Fotografien im Buch gibt es sowieso keine Angaben. Die Irritationen, die von den Bildern ausgehen, sind unabdingbare Bestandteile der Geschichten, als wunderbar trügerische Belege.

          Es geht aber auch um die phantasmatische Konstruktion des idealen Mannes, wie in „Die Krawatte“: „Ich sah ihn an einem Dezembertag im Jahr 1985. Er hielt einen Vortrag. Ich fand ihn anziehend. Eine Sache aber missfiel mir: seine Krawatte in schreienden Farben.“ Fortan will ihm Sophie Calle zu Weihnachten immer neue Kleidungsstücke geschickt haben: „Wenn er eines Tages komplett von mir eingekleidet ist, möchte ich ihn kennenlernen.“ Und es gibt einige Unterabteilungen für die Geschichten: „Der Ehemann“ wird, bis in intime Details, in römischen Zahlen von I bis X durchgenommen, bis zur Scheidung. Die Episoden zu „Monique“ gelten der 2006 verstorbenen Mutter; sie sind von berührend trotziger Melancholie durchtränkt. Ähnlich ist das bei „Bob“, dem Vater, der 2015 starb. Der Kater „Souris“ bekommt in vier Kapiteln sein Epitaph: „Weil das einzige Wesen, das zur Welt zu bringen ich mir hätte vorstellen können, ein Kater war.“ Über die Texte und Fotografien dazu darf man mindestens staunen.

          So funktioniert ihr surrealer Zauber der Abwesenheit

          Sophie Calle ist eine Stalkerin par excellence; das hat sie immer wieder getan, es ist ihr Konzept als Künstlerin. Diese Übung exerzierte sie zuerst 1983, in den Folgen ihrer Text-Bild-Collage „L’homme au carnet“, auf Deutsch „Das Adressbuch“. Sie schnüffelte darin hinter einem Unbekannten her, indem sie die Personen zu ihm befragte, die in seinem carnet, das sie angeblich auf der Straße gefunden hatte, eingetragen waren (F.A.Z. vom 24. Januar 2020). Es mag sogar sein, dass die heftigen Reaktionen auf diese Aktion sie veranlassten, nicht nur eine Verfolgerin anderer Menschen zu sein, sondern auch sich selbst nachzustellen. Sollte „wahr“ also als „autobiographisch“ im strengen Sinn verstanden werden? Wohl kaum; Sophie Calle hat vielmehr einen ausgeprägten Möglichkeitssinn.

          Man könnte an Arthur Rimbauds berühmten Satz „Je est un autre“ denken, im denkbar einfachen Sinn: Denn „je“ ist das „ich“ der Schrift, des geschriebenen Texts eben. Dagegen steht, im Französischen, „moi“ als jenes „Ich“, das sich seiner selbst als Subjekt vergewissern will. Was, man weiß es, ständig schiefgehen kann. Sophie Calle, die nicht wenige ihrer „Wahren Geschichten“ mit dem „je“ beginnt, ist kühn genug, es mit den Fotografien für diese wackelige Beglaubigung eines „moi“ – das hier bin ich – zu versuchen. Nicht zuletzt darin demonstriert sie ihren Witz von surrealer Klasse.

          Bloß nicht beleidigt sein! Sophie Calle verkauft niemanden für dumm. Im Gegenteil: Der elegante schmale Band ist eine empfehlenswerte Lektüre für alle, die schon immer Freude an der Anstiftung zu unsinnig schweifenden Gedanken hatten. Ironisch, narzisstisch, aufsässig, traurig, boshaft und ja: liebevoll; alles ist da. Nur die Künstlerin mit dem Namen Sophie Calle ist nicht zu fassen – „den Blick auf den Betrachter gerichtet“ eben. So funktioniert ihr Zauber der Abwesenheit.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Cem Özdemir auf dem Online-Parteitag der Grünen im Mai 2021

          Cem Özdemir und die Partei : Grüne Kämpfe, grüne Ziele

          Bei den Grünen ist der Aufstand der Parteilinken gegen den Ultrarealo Cem Özdemir verpufft. Glück gehabt. Denn wenn die Partei in der Ampel fürs Klima kämpfen will, muss sie geschlossen sein.

          Kliniken bereiten Triage vor : An den Grenzen der Medizin

          Die Infektionszahlen schießen in die Höhe. Immer mehr Krankenhäuser müssen auf die Triage zurückgreifen. Etwas, das Ärzte eigentlich nur aus Kriegseinsätzen und der Katastrophenmedizin kennen. Aber was bedeutet das genau?

          Intervention der Leopoldina : Kopfwäsche für Krisenmanager

          Die Nationalakademie mischt sich abermals in die Pandemiepolitik ein: Eine Arbeitsgruppe der Leopoldina veröffentlicht einen Sofortmaßnahmenkatalog – und geht damit ein Wagnis ein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.