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Wagenbach verteidigt Grass : Früher war er nicht so

  • -Aktualisiert am

Er hat es sicher gut gemeint: Klaus Wagenbach Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Monatelang hatte Günter Grass gesagt, er habe seine SS-Mitgliedschaft sechzig Jahre lang verschwiegen. Jetzt setzt der Verleger Klaus Wagenbach zu einer wahrscheinlich gutgemeinten Verteidigung an. Ein Schuss, der nach hinten losgeht.

          Jetzt wird die Geschichte mit Günter Grass vollends verrückt. In der Wochenzeitung „Die Zeit“ setzt der Verleger Klaus Wagenbach heute zu einer wahrscheinlich gutgemeinten Verteidigung an, aber der Schuss ist nach hinten losgegangen. Monatelang hatte Grass selber gesagt, er habe seine SS-Mitgliedschaft sechzig Jahre lang verschwiegen. Wagenbach schreibt nun, er habe von der Sache schon seit 1963 gewusst.

          Man habe sich damals getroffen, um Interviews für eine allerdings nie erschienene Grass-Monographie zu führen. Davon ist folgende Notiz erhalten, auf die Wagenbach nun wieder gestoßen sein will: „Die Majorität der Klasse meldete sich zur Marine (auch G.), kam aber zu den Panzern. G. kam zur Sturmgeschützabteilung eines Panzerregiments. Zuerst Dresden, dann Tschechoslowakei und Lüneburger Heide. Januar/Febr. 45 Marschbefehl zur Kompanie zuerst Schlesien, dann Berlin (Gruppe Steiner, SS) erster Einsatz, März/April.“ Daraus folgert Wagenbach: „Bis 1963 hat Günter Grass keineswegs verschwiegen, dass er in der SS war.“ Selbst wenn dem so wäre - Grass hat danach stets lieber von seiner Flakhelferzeit gesprochen und das Wesentliche unterschlagen.

          M usste auch Wagebach erst eine Form finden?

          Noch ungereimter ist, was Wagenbach als Grund für Grassens Offenheit anführt: Dieser habe sich bis Mitte der sechziger Jahre darauf verlassen können, dass die Teilnehmer der letzten Kriegsmonate, auch solche der SS, mit dem Argument, nur als Kanonenfutter gedient zu haben, quasi entschuldigt seien. Außerdem habe Grass nicht wissen können, was es mit der SS auf sich habe; dies sei erst später herausgekommen. Wagenbach erwähnt aber den Bericht des SS-Generals Jürgen Stroop über die Vernichtung des Warschauer Gettos.

          Dieser Bericht ist 1960, über Grassens Vermittlung, bei Luchterhand erschienen. Wenn Grass den Bericht, der ja für die SS alles andere als schmeichelhaft ist, gekannt hat - etwas anderes ist nicht denkbar -, dann müsste er doch drei Jahre später erhebliche Hemmungen gehabt haben, seine eigene Zugehörigkeit einzugestehen. Das ist das eine. Das andere ist Wagenbachs generelle Argumentationslinie: Grass sei anfänglich auskunftsfreudig gewesen und habe erst, als auch ihm die Schreckensdimension der SS klar geworden sei, den Mund gehalten.

          Menschlich mag das begreiflich sein - den Eindruck einer Generosität erweckt es nicht. Grass wäre demnach, je berühmter er wurde, immer schweigsamer geworden. Aber Wagenbach nennt lieber die Journalisten „Sykophanten“, also gewerbsmäßige Ankläger, und mahnt die Sorgfaltspflicht an. Die lassen auch andere außer Acht. Im August teilte der Schriftsteller Robert Schindel mit, er habe Grassens Geständnis schon einmal in kleinem Kreis vernommen, konnte sich aber weder an den Ort noch an die genaue Zusammensetzung erinnern. Und was hat Wagenbach dazu veranlasst, erst jetzt mit der Sache herauszurücken? Einfach vergessen? Oder musste auch er, wie Grass, erst eine Form dafür finden? Dieser schreibt im Zwiebelbuch: „Ach, hätte diese Geschichte doch eine Pointe, die es lohnte, den Langweiler Wahrheit zu opfern.“ Falls also noch jemand eine hat: immer her damit!

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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