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Vorstandspläne : Bertelsmann baut das Buchklubgeschäft um

Ein Geschäftsmodell auf der Abschussliste Bild: dpa

Der Medienkonzern Bertelsmann entfernt sich immer weiter von seinen Wurzeln. Nach Informationen der F.A.Z. sollen die Buchklubs und Buchfilialen künftig nicht mehr als eigener Geschäftsbereich geführt und schleichend zurückgefahren werden.

          Wie geht es dem Buchklubgeschäft? Diese Frage wird man beim Blick in den Geschäftsbericht der Bertelsmann AG künftig nicht mehr beantworten können. Nach Informationen der F.A.Z. sollen die Buchklubs und Buchfilialen nicht mehr als eigenständiger Geschäftsbereich geführt, Umsätze und Ergebnisse dieser sogenannten Direct Group also nicht mehr veröffentlicht werden. Beschlüsse dazu gibt es noch nicht. Aber die Planungen von Vorstandschef Hartmut Ostrowski gehen in die Richtung, die Direct Group in andere Geschäftsbereiche wie Random House und Arvato zu integrieren.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Von dort soll das Buchklubgeschäft dann über Jahre gleichsam schleichend zurückgefahren werden. Denn Ostrowski, der Bertelsmann auf Wachstumskurs bringen will, glaubt offenbar nicht an die Zukunft des Klubgeschäfts, das, gemessen an Umsatz und Mitgliederzahlen, seit sehr vielen Jahren nur eine Richtung kennt: abwärts. Radikale Schließungsmaßnahmen sind indes nicht geplant. Die Gütersloher wollen behutsam vorgehen. Dem Vernehmen nach soll es keine Entlassungen geben. Ein Sprecher der Direct Group wollte diese Informationen auf Anfrage nicht kommentieren.

          Nach dem Verkauf der Klubgeschäfte in Amerika, Asien, Großbritannien und den Niederlanden dürften jetzt noch gut 11.000 Menschen für die Direct Group arbeiten. Der Jahresumsatz der Gruppe, der 2007 noch knapp 2,6 Milliarden Euro betragen hatte, dürfte unter ganzjähriger Herausrechnung der verkauften Einheiten bei 1,4 Milliarden Euro liegen.

          Die Keimzelle des Bertelsmann-Konzerns

          Die Buchklubs sind die Keimzelle des Bertelsmann-Konzerns. Firmenpatriarch Reinhard Mohn hatte sie einst mit großem Erfolg aufgebaut und damit die wirtschaftliche Basis gelegt für den Expansionskurs des Unternehmens, zu dem heute Europas größte private Fernsehsenderkette (RTL), Europas größter Zeitschriftenverlag (Gruner + Jahr), der weltgrößte Buchverlag (Random House) und der Mediendienstleister Arvato gehören.

          Doch die guten Klubzeiten sind vorbei. Anfang der neunziger Jahre hatte der deutsche Bertelsmann-Klub mehr als 5 Millionen Mitglieder - heute sind es 3 Millionen. Geschäftsführer Fernando Carro ist es zwar gelungen, den deutschen Klub etwas zu stabilisieren und in die Gewinnzone zurückzuführen. Ihn dort zu halten aber ist schwierig. Im gerade abgelaufenen Geschäftsjahr, so soll das Klub-Management jüngst in einer Mitarbeiterversammlung erklärt haben, liege das Ergebnis "in der Nähe einer schwarzen Null". Das Betriebsergebnis (Operating Ebit) der gesamten Direct Group dürfte nach internen Planungen leicht unterhalb des Vorjahreswertes von 10 Millionen Euro landen.

          „In Summe stabil, aber im Ergebnis nicht erfreulich“

          Kurz vor Weihnachten schrieb Carro seinen Mitarbeitern. In dem Brief, der der F.A.Z. vorliegt, beschreibt er die Lage im Jahr 2008 als "in Summe stabil, aber im Ergebnis nicht erfreulich". Dafür macht Carro zwei Entwicklungen verantwortlich: "Der Rückgang des Kerngeschäfts der Medienclubs mit Abnahmeverpflichtung und der generelle Zustand des Marktes in Verbindung mit einem veränderten Kaufverhalten unserer Kunden." Diese Lage passt nicht zum Wachstumskurs, den Hartmut Ostrowski dem Konzern bei seinem Amtsantritt vor einem Jahr verordnet hat. Daher kündigte er bereits im März an, in Sachen Direct Group alle Optionen zu prüfen. Damit meinte er: Auch ein Komplettverkauf ist möglich. Anfang Juli bekräftigte Ostrowski diese Aussage. Doch zwei Wochen später ruderte er zurück und ließ mitteilen, dass man die Geschäfte im deutsch- und französischsprachigen Raum sowie in Spanien, Portugal und Italien behalten werde.

          Was Ostrowski zu dem Rückzug getrieben hat, ist bis heute unklar, zumal es angeblich sogar Kaufinteressenten für die gesamte Gruppe gab. Möglicherweise waren die Offerten nicht gut genug oder sie drohten de facto in einer schlagzeilenträchtigen Ausschlachtung der Direct Group zu münden. Manche in Gütersloh vermuten indes, dass die Familie Mohn aus emotionalen Gründen ihr Veto gegen einen Komplettverkauf eingelegt hat. Wie sehr Reinhard Mohn an dem deutschen Buchklub hängt, lässt sich an seinem jüngsten Buch "Von der Welt lernen" ablesen: Dort nimmt die Geschichte vom Aufbau der Buchklubs sehr großen Raum ein, während Mohn andererseits beispielsweise kaum ein Wort verliert über den erfolgreichen Einstieg in das Fernsehgeschäft. Der Umsatz der Direct Group wird schon allein deshalb sinken, weil der Verkaufsprozess für die Tochtergesellschaften, die nicht Teil der erwähnten Fortführungsstrategie sind, weitergeht. Zum Verkauf stehen die Klubgeschäfte in den Ländern Polen, Tschechien, Slowakei, Ukraine und Russland sowie in Australien und Neuseeland. Deren Umsatz dürfte sich auf etwa 200 Millionen Euro summieren. Unter den verbleibenden Geschäften bereitet Fernando Carro vor allem die französische Landesgesellschaft Kopfzerbrechen. Wie zu hören ist, arbeitet die Buchhandelskette Chapitre mit Verlust. Der französische und der spanische Buchklub scheinen sich hingegen noch wacker zu schlagen.

          Vor dem Hintergrund der Integrations- und Rückbaupläne für die Direct Group wäre es denkbar, dass Carro schon bald eine andere Führungsaufgabe bei Bertelsmann übernimmt. Gerüchteweise wird er schon als möglicher Nachfolger von Bernd Kundrun gehandelt, der Gruner + Jahr vermutlich noch im Januar verlassen wird.

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