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Vorschau auf den Literaturherbst : Es geht ums nackte Leben

Wie kommen wir durch die Katastrophe? Iwan Aiwasowski malte „Zwischen den Wellen“ 1898. Das Bild hängt im Aiwasowski-Museum von Feodossija Bild: INTERFOTO

Hoffnung in der Krise, und das nicht nur für den Buchhandel: Die Literatur steuert auf einen starken Herbst zu. Ein halbes Dutzend großartiger Romane kommt schon in den nächsten Wochen.

          Ein Sturm zieht auf. Ein kleiner nur im Kontext der ökonomischen Großwetterlage, aber ein gefährlicher für den deutschen Buchhandel. Das erste Halbjahr brachte ihm ein Umsatzminus von 2,6 Prozent, und im Sortimentsbuchhandel, also in den klassischen Buchgeschäften, war angesichts der Verlagerung vieler Käufe in den Online-Handel der Rückgang sogar mehr als doppelt so groß: 5,4 Prozent. Vor allem die großen Buchhausketten, die im vergangenen Jahrzehnt die kleinen Fachgeschäfte verdrängt hatten, schließen jetzt selbst Filialen. Die Ratlosigkeit in der Branche ist groß, man hofft aufs zweite Halbjahr. Eines immerhin kann man darüber schon sagen: Es bietet einige sehr gute Bücher.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Ein Sturm zieht auf, doch niemand hat ihn kommen sehen. Die modernen Prognoseinstrumente haben versagt, im Chaos bleibt nur noch ein improvisiertes Rettungsmanöver nach dem anderen. Das ist nicht das aktuelle EU-Krisenszenario, sondern die sehr geraffte Handlung eines erstaunlichen englischen Romans, den Richard Hughes 1938 veröffentlichte: „In Hazard“. Noch im selben Jahr wurde er als „Von Dienstag bis Dienstag“ erstmals ins Deutsche übertragen, später hieß er hierzulande „Hurrikan im Karibischen Meer“. In der großartigen Übersetzung von Michael Walter heißt er nun originalgetreu „In Bedrängnis“. Und wenn Sie ein einziges Buch lesen wollen, das genau in die Gegenwart passt, dann sollte es dieser ein Dreivierteljahrhundert alte Seefahrtsroman sein.

          Überleben dank der  Katastrophen

          Ein Sturm zieht auf, und vier Tage lang kämpft darin die „Archimedes“. Der Dampfer ist Teil der Flotte einer Reederei namens „Sage“ (was im Englischen den Weisen bezeichnet), die alle ihre Schiffe nach Philosophen benannt hat. Archimedes hatte behauptet, dass er die Welt aus den Angeln heben könnte, wenn er nur einen festen Punkt für einen langen Hebel hätte. Der einzige feste Punkt ist nun die „Archimedes“ selbst, doch im Toben der Elemente ist sie haltlos, alle Sicherheiten zerbrechen. „Captain Edwardes begriff jetzt, dass nicht einmal in siebzehn Stunden mit einem Entkommen zu rechnen war. Überhaupt konnte man auf kein Entkommen spekulieren, solange der gewaltige Sog des Sturms andauerte. Man konnte auf gar nichts mehr bauen.“ Dieser Roman ist das ultimative Krisenbuch.

          Auch weil darin eine Psychologie des Umgangs mit der Krise entwickelt wird, die mehr über das, was wir derzeit an ungebrochenem Optimismus beobachten, erzählt als die umfangreichsten aktuellen Fallstudien. Mitten im Sturm kommt dem Kapitän die Erkenntnis, dass das bisherige Überleben auch den bereits eingetretenen Katastrophen zu verdanken ist, weil sie zu den Bedingungen beigetragen haben, in denen man überlebt hat. „Ja, Captain Edwardes war bester Laune! Hätte er schon im Voraus gewusst, was passieren würde, wäre er dann die ganze Zeit so fröhlich und zuversichtlich gewesen? Vielleicht nicht. Vielleicht hätte niemand dies Vorherwissen verkraftet. Da er jedoch immer nur von einer bekannten Situation zum nächsten unbekannten Augenblick vorausschaute, hatte ihn seine Unbeschwertheit beschwingt.“

          Die Krise ist bestenfalls eine Folie

          Das Buch ist ein Sprach- und Beschreibungskunstwerk, es ist rasend spannend, und es erzählt weitaus mehr, als es zunächst den Anschein hat. Schon der Handlungszeitpunkt im November 1929, kurz nach dem Börsencrash an der Wall Street, ist ein Signal, und wenn der Erste Offizier sich darüber Rechenschaft ablegt, warum er Seemann geworden ist, dann klingt das so: „Der Grund lautete, dass er die Tugend liebte und kein Homo oeconomicus war.“ Richard Hughes hat am Ende der Weltwirtschaftskrise und im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs eine Parabel auf das Krisenbewusstsein geschrieben, die seitdem nicht überholt ist.

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