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Vorschau auf den Literaturherbst : Es geht ums nackte Leben

Sprünge in die Zukunft

Zentraler Protagonist, mutmaßlicher Mörder und einziger Ich-Erzähler unter vielen Stimmen ist ein gewisser Clemens Setz, der in einem Internat, in dem vom rätselhaften Indigo-Syndrom befallene Kinder untergebracht sind, sein Schulpraktikum als Mathematiklehrer absolviert hat. „Dingos“ nennt man spöttisch die Erkrankten, die weniger selbst leiden, vielmehr jedem Gesunden Kopfschmerzen bereiten. Solch ein Dingo ist auch das Buch: Man kommt nicht heil davon weg. Es herrscht Suchtgefahr. Alsbald sind beim Lehrer alle Sicherheiten verloren, beim Leser auch. Ein ständiger Wechsel von Vergangenheit (2006/07) und Zukunft (2021) ist da noch das Wenigste.

Sprünge in die Zukunft hat man auch in Jenny Erpenbecks „Aller Tage Abend“ zu überstehen. Es sind jeweils Sprünge ins Imaginäre, denn jeder der fünf Teile des Romans endet mit dem Tod. Gleich zu Anfang stirbt ein Säugling und mit dem kleinen Mädchen ein ganzes Leben voller Möglichkeiten. Doch in einem Intermezzo zwischen erstem und zweitem Teil wird dieser Tod korrigiert, und so kann die Geschichte doch noch in Gang kommen und von 1901 in die Jahre 1919, 1938, 1962 und 1992 springen. Immer wieder stirbt das Mädchen, die junge Frau, die Mutter, die Großmutter aufs Neue, um in weiteren Intermezzi wieder ins Leben zurückgeholt zu werden.

Stellt alles dem Zufall anheim

Das ist fabelhaft konstruiert und einmal mehr in der vertraut entschlackten Stimme der heute fünfundvierzigjährigen Jenny Erpenbeck erzählt. Ihr vielfach ausgezeichneter Roman „Heimsuchung“ verwendete 2008 ein ähnlich zeitübergreifendes Motiv, doch wo dort ein Grundstück das verbindende Element bildete, ist es hier nicht einmal die Frau selbst, deren vielfach wiedergeschenktes Leben wir begleiten, sondern der Zufall in Gestalt jener winzigen Aspekte, die über Tod und Leben entscheiden. „Schön wäre es, wenn der Zufall regieren würde, und nicht ein Gott“, heißt es einmal im Buch. Dann wäre niemals aller Tage Abend.

Der schönste und zugleich doppelbödigste deutschsprachige Roman des Herbstes jedoch bleibt streng einem unerbittlichen Geschick verhaftet: der Politik. Es ist ein Familienroman: Ein Jahrzehnt nach seiner Flucht aus Deutschland kehrt der ehemalige Berliner Patentrichter Richard Kornitzer 1948 in sein Heimatland zurück. Er ist Jude, und seine protestantische Frau Claire blieb, als er 1939 nach Kuba emigrieren konnte, in Deutschland zurück; die beiden Kinder waren schon vorher nach England geschickt worden. Was hat Claire in der Zeit der Trennung erlebt? Was Richard?

Die Normalität als Wunschziel

Für die 1947 geborene Ursula Krechel ist „Landgericht“ erst der zweite Roman nach ihrem späten Debüt „Shanghai fern von wo“ (2008). Wieder verbindet sie eine akribische zeitgeschichtliche Faktenrecherche mit fiktiver Erzählung: innerem Monolog, Reflexion, Hadern. Doch während im „Shanghai“-Roman die Rückkehr deutscher Exilanten in die Bundesrepublik und ihr juristisches Ringen um ausgleichende Gerechtigkeit nur ein Element des Geschehens waren, wird „Landgericht“ jetzt zum großen Prozess Richard Kornitzers gegen ein Land, das so schnell wie möglich wieder zur Normalität übergehen will. Nur hat es dabei mit Kornitzer zu tun - einem Mann, der um sein Recht (und bisweilen auch persönliches Unrecht) nicht nur weiß, sondern es auch einzutreiben versteht. Ein Sturm zieht auf - privat und gesellschaftlich.

Drei Bücher, in denen es ums Weiterleben geht (Hughes, Thome, Krechel), drei Bücher, in denen es ans Sterben geht (Sorokin, Setz, Erpenbeck). Sechs Bücher, in denen es um alles geht. Mit ihnen kommen wir durch den Sturm, auch der Buchhandel.

Die besten Romane im Herbst

Jenny Erpenbeck: „Aller Tage Abend“. Knaus Verlag, München 2012. 283 S., geb., 19,99 €; erscheint am 20. August.


Richard Hughes: „In Bedrängnis“. Aus dem Englischen von Michael Walter. Dörlemann Verlag, Zürich 2012. 251 S., geb., 19,90 €; erscheint am 15. August.


Ursula Krechel: „Landgericht“. Jung und Jung, Salzburg 2012. 493 S., geb., 29,90 €; erscheint am 21.August.


Clemens J. Setz: „Indigo“. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 479 S., geb., 22,95 €; erscheint am 8. September.


Vladimir Sorokin: „Der Schneesturm“. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012. 207 S., geb., 17,99 €; erscheint am 16. August.


Stephan Thome: „Fliehkräfte“. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 474 S., geb., 22,95 €; erscheint am 8. September.

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