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Vorschau auf den Literaturherbst : Es geht ums nackte Leben

Ansonsten ist die Krise in den herausragenden Büchern der kommenden Saison bestenfalls Folie. Wie in Stephan Thomes „Fliehkräfte“, dem Nachfolgeroman des 2009 gefeierten Debüts „Grenzgang“. Hatte Thome bei dessen Thema noch von der eigenen Herkunft profitiert, wählt er nun als Protagonisten einen Mann, der zwanzig Jahre älter ist als sein 1972 geborener Autor und als Philosophieprofessor am Scheideweg steht: Seine portugiesische Frau, die ehemalige Muse eines Theaterregisseurs, in dem leicht Frank Castorf zu erkennen ist, hat als dessen Referentin eine Stelle in Berlin angenommen, um endlich wieder auf eigenen Füßen zu stehen, die Tochter studiert in Spanien. Das gemeinsame Leben, wie Hartmut Hainmann es kannte, ist dahin, und er sucht Rettung in einer langen Fahrt von Bonn bis Porto, um etwas davon wiederzufinden. Doch er wird alles verlieren.

Auch dem Leser vergeht Hören und Sehen

Europa mit seinen verschiedenen Nationen, Sprachen und Kulturen wird in „Fliehkräfte“ zum Antidot der schleichenden Identitätsvergiftung. Aber die Reise zu sich selbst kann nicht im Rhythmus der wechselnden Begleiter stattfinden, die Hainmann auf seiner Fahrt begegnen. Immer jedoch scheint in ihnen, ihrer Fremd- oder Vertrautheit (nicht selten trifft beides zusammen), die Vision einer Aussöhnung auf. Kein reinigender Sturm zieht auf, aber dass Thome diesen großen Roman auch in einer Erfahrung des Meeres kulminieren lässt, einer ganz sanften, aber umso ambivalenteren, macht ihn zum zweiten Teil einer Trias der besten kommenden Bücher, die ihre Protagonisten den Elementen ausliefert.

Den dritten Teil steuert Vladimir Sorokin mit „Der Schneesturm“ bei. Der lapidare Titel verweist auf Tschechow, und gemeinsam mit Gogol ist das auch der Bezugspunkt, von dem aus der 1955 geborene russische Autor ein Vexierspiel mit der literarischen Tradition seiner Heimat entfaltet, dass nicht nur dem Landarzt Platon Iljitsch Garin, der hier mit der Kutsche in den titelgebenden Sturm geschickt wird, Hören und Sehen vergehen, sondern auch den Lesern.

Ein Rückgriff auf die Romantik

Sorokin, der Meister postmodernen Schreibens in Russland, erzählt hier in ganz klassischem Ton. Aber er mischt russische Vergangenheitstopoi wie die Kutschfahrt, einen devoten Fuhrmann oder die archaischen Zustände in den Dörfern mit Elementen der phantastischen Literatur, die eines Lovecraft würdig sind. Zudem wird bald klar, dass hier von einem künftigen postapokalyptischen Russland erzählt wird: als Dystopie, in der Mutationen und Infektionen das Verständnis von Menschlichkeit ebenso in Frage stellen, wie es die gnadenlose Isolation in einem Land, in dem jeder soziale Zusammenhalt zerfallen scheint, mit der Moral getan hat. 2010 auf Russisch erschienen, hat dieser Roman nach Putins Wiederwahl zum Präsidenten nur noch an Aktualität gewonnen. Die schwarze Pest, die die Erkrankten, die zu heilen Garin aufbricht, in zombiehafte Riesen verwandelt, ist Metapher der Macht.

Eine Krankheit ist auch der Ausgangspunkt von „Indigo“, dem neuen Roman von Clemens J. Setz, dem Nachfolger von Daniel Kehlmann als Wunderkind der österreichischen Literatur. Mit noch nicht dreißig Jahren hat Setz sich längst den Ruf eines formal wie inhaltlich gleichermaßen wagemutigen Prosaisten erworben, der nun von „Indigo“ nicht nur bestätigt, sondern ausgebaut wird. Was Thomes „Fliehkräfte“ psychologisch herausragend macht, wird bei Setz noch durch Lust am erzählerischen Experiment ergänzt. Der Rückgriff auf in der Romantik entwickelte Techniken wie Montage, Dokumentationsfiktionen oder Verschleierung (hier im Buch auch typographisch unterstützt) und die Integrierung einzelner Fotos in den Text nach Sebaldschem Vorbild setzt eine Erzählung in Gang, die in ihrem überbordenden Reichtum an Anspielungen aus Literatur, Film, Musik und Comic einem gigantischen Bilderrätsel gleicht. Seine Auflösung führt auf den Friedhof.

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