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Grigori Rasputin : Der sibirische Sündenbock

Vom Bauern zum Zarenliebling: Griorij Rasputin, 1869 in Sankt Petersburg Bild: Getty

Er ist die Figur eines Epochenendes: Ein sibirischer Bauer, der zum Favoriten des Zaren Nikolai II. aufsteigt. Vor hundert Jahren starb Grigori Rasputin.

          Vor hundert Jahren - nach dem alten, julianischen Kalender am 16. Dezember - wurde in Sankt Petersburg Grigori Rasputin ermordet, der sibirische Bauer, der zum Favoriten des letzten Romanow-Zaren Nikolai II. aufgestiegen war. Zum Zeitpunkt seines Todes war Rasputin der vielleicht meistgehasste Mann der russischen Hauptstadt. Im dritten Weltkriegsjahr stand das rückständige Russische Reich am Rand des Abgrunds. Der schwache Zar folgte in seinen politischen Entscheidungen den Ratschlägen der deutschstämmigen Zarin, die Rasputin verfallen war und auf ihn hörte, weil er das Bluterleiden von Thronfolger Alexej linderte.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Rasputin selbst, dessen Saufeskapaden Stadtgespräch waren, unterhielt ein Büro, wo er Bittsteller empfing und Spenden verteilte. Hochadlige Würdenträger wie der Petersburger Gouverneur Alexander Obolenski erniedrigten sich vor ihm. Die vornehmen Verschwörer, die ihn erschossen, um die Monarchie zu retten, verfehlten dann zwar ihr Ziel. Dafür blühten die Rasputin-Legenden nach seinem Tod nur umso wilder. Gut, dass im nun zu Ende gehenden Jahr der amerikanische Historiker Douglas Smith eine achthundert Seiten starke, gedankenreiche, brillant geschriebene Monographie vorgelegt hat, die dank akribischer Archivstudien Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden hilft und zum Rasputin-Standard-Werk werden dürfte (Douglas Smith, „Rasputin“, Macmillan 2016).

          Selbst sein Mörder fühlte sich kurz vor der Tat von Rasputin hypnotisiert

          Rasputin, ein glühend frommer „Muschik“, der als Pilger durchs Land gezogen war, bevor er nach Petersburg kam, beeindruckte seine Zeitgenossen durch seine Intensität. Obwohl er nie eine Schule besucht hatte und sprunghaft unzusammenhängend redete, wird er als klug, zumindest als gerissen wahrgenommen. Sein durchdringender Blick beeindruckt alle. Selbst sein Mörder Felix Jussupow will sich noch unmittelbar vor der Untat von ihm hypnotisiert gefühlt haben.

          Er scheint so etwas wie das zweite Gesicht gehabt zu haben, das er in späteren Jahren, als er viel trank, freilich verlor. 1911 sah er das Attentat auf Premierminister Pjotr Stolypin vorher. Seine verzweifelten Telegramme, mit denen er im Sommer 1914 dem Zaren den Kriegseintritt auszureden versuchte, zumal der letzte Brief, der vor einem Meer von Blut und Tränen warnt, worin Mütterchen Russland ertrinken werde, lesen sich erschütternd prophetisch. Und noch kurz vor seinem Tod drängte er die Zarin, der immer schlechteren Lebensmittelversorgung in der Hauptstadt entgegenzuwirken, die nur kurze Zeit später tatsächlich die Februarrevolution in Gang setzte.

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