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Literaturnobelpreis : Nobel ist das nicht

Lässt die Bombe platzen: Sara Danius ist die erste Frau, die den Literaturnobelpreisträger verkündet. Bild: dpa

Die neue Sekretärin der Schwedischen Akademie wünscht sich was, ein Österreicher steht bei den Buchmachern hoch im Kurs, ein Deutscher indes fehlt in diesem Jahr: Viel Bewegung vor der Verkündung des Literaturnobelpreisträgers.

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          Alfred Nobel wäre wohl gar nicht zufrieden gewesen, wenn er gewusst hätte, was für eine Sprengkraft der von ihm 1896 testamentarisch gestiftete Literaturpreis entfalten würde. Schließlich sollte mit dieser Auszeichnung (und den vier Schwesterpreisen für Physik, Chemie, Medizin und Frieden) das von Nobel selbst als Blutgeld empfundene Vermögen, das er mit der Dynamitproduktion verdient hatte, weißgewaschen werden.

          Doch nun entbrennt jedes Jahr im Oktober ein neuer Meinungskrieg in literarischen Kreisen über die Favoriten. Und diesmal wird er zusätzlich dadurch verschärft, dass bei den britischen Buchmachern die weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch an der Spitze steht, die durch ihre atemraubend dramatisierten Interviewbücher über die Folgen des Zerfalls der Sowjetunion bekannt geworden ist. Traditionellen Literaturliebhabern aber gilt solche Collagekunst nichts, und in Russland wäre die Empörung über eine Vergabe des Literaturnobelpreises an Swetlana Alexijewitsch zweifellos ungleich größer, als sie es 2013 war, als die Autorin den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt.

          In Bewegung

          Wobei man bei der Bewertung der bis zur Verkündung des Preisträger an diesem Donnerstag eindeutigen Favoritinnenposition ohnehin außerliterarische Faktoren berücksichtigen muss. Zum Beispiel den, dass mit der Literaturwissenschaftlerin Sara Danius nun zum ersten Mal eine Frau die Stelle des Sekretärs der Schwedischen Akademie, die den Preis vergibt, innehat. Sie wird gegen 13 Uhr das Ergebnis verkünden und hat vorab keinen Zweifel daran gelassen, dass sie sich zu diesem Debüt eine Frau als Gewinnerin wünscht. Nun hat auch Frau Danius im Auswahlkomitee nur eine Stimme von sechs, aber bei neuen Chefs dürften sich selbst Akademiker nur ungern sofort unbeliebt machen. Und da die Zahl der vorgeschlagenen Kandidatinnen viel kleiner ist als die der Männer, wird eine Berühmtheit wie Swetlana Alexijewitsch sofort zur heißen Favoritin bei den Buchmachern.

          Ihr aktueller Durchmarsch bis auf eine Quote von drei zu eins verdeckt, dass sich gleichzeitig etwa Peter Handke in den Wettlisten stetig nach vorne und in die Gruppe der seit Jahren hochgehandelten Haruki Murakami, Ngugi wa Thiong’o oder der zweiten Dauerkandidatin Joyce Carol Oates geschoben hat, nun immerhin bei vierzehn zu eins liegt und damit weitaus höher eingeschätzt wird als etwa Amos Oz, Thomas Pynchon oder auch Salman Rushdie, bei dessen Auszeichnung ebenfalls weltweiter Streit garantiert wäre (und großes Zittern bei der Frankfurter Buchmesse, ob Rushdie dann noch als Redner bei ihrer Eröffnungspressekonferenz auftreten würde).

          Ein seit Jahren vertrauter Name allerdings fehlt in den diesjährigen Quoten der britischen Buchmacher: der deutsche Autor Ulrich Holbein, der früher zuverlässig auf hinteren Rängen zwischen Umberto Eco, Richard Ford oder Michel Tournier zu finden war. Offenbar hat sich irgendjemand in diesem Jahr die paar Pfund gespart, die es braucht, um auch einen international Unbekannten in den Wettlisten auftauchen zu lassen, damit er einmal im selben Atemzug mit den Großen genannt wird. Noblesse oblige? Ach was, Noblesse kostet.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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