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Vom Häftling zum Schriftsteller : Kaserne, Knast, Kumpane

Uwe Stöß´ Zukunft sind Storys aus seiner dunklen Vergangenheit Bild: Christoph Busse

Am 8. Juni 2005 beschließt Uwe Stöß, ein neues Leben zu beginnen. Inzwischen reüssiert der einstige Knacki und Obdachlose als Schriftsteller. „Der Sandmann“ heißt die Erzählung, in der er seinen Alltag schildert - detailliert, drastisch und direkt.

          „Mann, hatte ich einen Bammel!“, sagt Uwe Stöß, und das ist kaum zu glauben. Groß und braungebrannt steht der Sechsundvierzigjährige da, mit silbergrauem, vollem Haar und im blütenweißen Tanktop, so dass die mit Adlern tätowierten kräftigen Oberarme gut zur Geltung kommen. Dann huscht ein stolzes Lächeln über sein Gesicht, er nimmt noch einen Schluck Kaffee und guckt von seinem Balkon nach draußen, ins Grüne. Ja, er hat sich überwunden, damals, im Februar 2008. Zum ersten Mal war er vor Publikum aufgetreten und hat auf der offenen Lesebühne Leipzig einen eigenen Text gelesen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          „Der Sandmann“ hieß die kurze Erzählung, in der er den Alltag eines obdachlosen Alkoholikers, seinen Alltag, schildert - detailliert, drastisch und direkt. „So mucksmäuschenstill war es hier noch nie bei einer Lesung“, sagt Krimi-Autor Henner Kotte. Er hatte Stöß noch kurz zuvor draußen „eine nach der anderen rauchen“ sehen, nun ist auch er beeindruckt und ermuntert ihn weiterzumachen. „Am nächsten Tag flog die Tür zu meinen Büro auf, er schob einen meiner Kunden beiseite und verkündete strahlend: ,Ich hab's getan!'“, erzählt Dagmar von Freyberg. „So selbstbewusst hatte ich ihn noch nie gesehen.“ Die Fünfzigjährige ist Fallmanagerin beim Leipziger Arbeitsamt und hat an der folgenden Geschichte großen Anteil.

          „Von da an habe ich geschrieben wie ein Weltmeister“

          „Für mich wäre es furchtbar gewesen, wenn alle stumm geblieben wären“, sagt Uwe Stöß. So ein Szenario hatte er sich in den Tagen zuvor immer wieder schwarz ausgemalt. Zwar hatte er seine Texte Bekannten und auch seiner Fallmanagerin gezeigt, doch damit aufzutreten - nein, das kam für ihn nie in Frage. An jenem Abend aber wandelte sich das grundlegend. „Von da an habe ich geschrieben wie ein Weltmeister.“ An Stoff mangelte es ihm nicht. Kaserne, Knast, Kumpane - unzählige Erinnerungen schwirrten in seinem Kopf; jetzt war die Chance da, sie erfolgreich zu Papier zu bringen.

          Dass er überhaupt eine solche bekommen würde, daran war noch vor wenigen Jahren nicht zu denken. „Meine Mutter wollte aus mir einen Olympiasieger, einen Konzertpianisten oder einen Filmstar machen“, erzählt er - und wie schwer der Druck und die Ansprüche waren, die zum Teil bis heute auf ihm lasten. Stöß wuchs in Plauen im Vogtland mit wohlhabenden Eltern auf und wäre doch „viel lieber im Heim“ groß geworden. „Emotionen waren zu Hause tabu, es herrschte eine Eiseskälte.“ Als seine kleine Schwester im Babyalter starb, gab sich die Mutter dem Alkohol hin.

          Drei Jahre NVA bewahrten ihn vor dem Absturz

          „Im Streit haben meine Eltern abends die Einrichtung zertrümmert und morgens eine neue gekauft.“ Vertrauen, Halt und Liebe gab es weder für ihn noch für seinen älteren Bruder. Die zehnte Klasse aber schloss er mit „gut“ ab, das Lernen fiel ihm leicht. Problem war die Disziplin. „Mit miesem Betragen hoffte ich, Beachtung und Bestätigung zu erhalten.“

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