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Viel Ehre für Martin Mosebach : Unser Dorf soll schöngeistiger werden

  • -Aktualisiert am

Durch und durch Großstädter: Martin Mosebach Bild: Boris Roessler/dpa

Fachwerk fürs Hirn: Die Autorentage Schwalenberg würdigen den Frankfurter Romantiker Martin Mosebach - mit gepflegter Langeweile.

          Mosebach endgültig verrückt geworden“, heißt es im Juni 2012 in Wolfgang Herrndorfs Blog „Arbeit und Struktur“. Zumindest das Lakonische daran dürfte dem Ironiker Mosebach gefallen, der es liebt, gewaltige Beschreibungsorgien rabiat abzubremsen. Herrndorfs Eintrag bezieht sich natürlich auf den jüngsten Windmühlenritt des wohl einzigen deutschen Romanciers, der die Sache der Gegenreformation noch nicht aufgegeben hat.

          Mosebachs Ruf nach einem Blasphemieverbot erfuhr manche katholische Zustimmung vom Philosophen Robert Spaemann bis zum Bamberger Erzbischof Ludwig Schick. Es überwog indes der Spott. Nostalgische Bedeutsamkeitssehnsucht wurde attestiert, Ingo Schulze schrieb eine ganze Lob-der-Zensur-Satire. Was die Polemik delikat machte, war ein nicht unproblematischer Schulterschluss: Mit den bei Gotteslästerung keinen Spaß verstehenden Muslimen, hieß es, sei „plötzlich wieder Musik in die Sache gekommen“. So konnten sich durch die jüngsten Schmähfilm-Unruhen beide Seiten bestätigt sehen: jene, die die Aufklärung in Gefahr sieht, und jene, die es prinzipiell begrüßt, wenn das Höchste mit voller Überzeugung verteidigt wird.

          Doppelt schade

          In dieser Situation nun fanden im Ostwestfälischen die Mosebach-Weihefestspiele statt. Dass der Modernekritiker bei den renommierten Schwalenberger Autorentagen mit dem befreundeten, aber in Blasphemieverbotsfragen vermutlich sehr anders denkenden Navid Kermani ein Gespräch „Über Verantwortung und Respekt“ führen würde, weckte Erwartungen. Kermani wurde vor drei Jahren selbst Opfer christlichen Übereifers, auch wenn die Posse um den Hessischen Kulturpreis dann doch versöhnlich ausging, als selbst die Eiferer einsehen mussten, dass der Autor weniger das Kreuz gelästert als ein religiöses Erweckungserlebnis beschrieben hatte. Man war also gespannt - und wurde enttäuscht. Statt des angekündigten Gesprächs bekam man lediglich einmal mehr Kermanis Totenbuch „Dein Name“ vorgelesen und erklärt. Das wäre noch kein Grund zur Beschwerde, wenn es nicht symptomatisch wäre für das gesamte Symposion.

          So trafen mit Mosebach und Sibylle Lewitscharoff zwei eloquente Schriftsteller aufeinander, die einen wunderbaren Fechtkampf über Macht und Grenzen des realistischen Erzählens hätten austragen können. Doch wurde einzig Lewitscharoffs Roman „Blumenberg“ vorgestellt. Der Kritiker und Autor Michael Maar hielt eine Laudatio, in der er die kühle Psychologie, die erzählerische Geduld sowie das Talent, Beobachtetes in eine hochmusikalische, bilderreiche und komische Sprache umzuwandeln, als (freilich nicht sonderlich individuelle) Kennzeichen von Mosebachs Schreiben herausstellte. Die narrative Kühnheit hinter der Anmut aber werde bis heute verkannt. Auch Maars Vorlage - Mosebach und das Feuilleton - wurde nicht diskutiert, was doppelt schade war, handelte es sich doch um den einzigen Beitrag, der sich auf das OEuvre des Ehrenpräsidenten bezog.

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