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Verlegerinnen : Widerspenstig, wo es not tut

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Hier wird nicht geramscht: Annette Knochs Grazer Literaturverlag Droschl widersteht den Zumutungen der Bücherwelt und setzt auf das Originelle, Rigorose und Schräge.

          "Wir leben alle unter demselben Himmel, haben aber nicht alle denselben Horizont": Stammte dieser Satz von einem österreichischen Schriftsteller anstatt von Konrad Adenauer, er gäbe das perfekte Motto ab für den Grazer Literaturverlag Droschl.

          Seit fast dreißig Jahren widersetzt man sich hier der Zähmung durch Buchmarkterwägungen und Bestseller-Listen, setzt selbstbewußt auf anspruchsvolle Literatur und pflegt in kleinen Auflagen das Originelle, Rigorose, Schräge. Die selbstauferlegte Verpflichtung zur österreichischen Avantgarde einerseits und verkannten internationalen Klassikern andererseits wird begleitet von liebevollem Respekt für das Regionale mit steirischem Zungenschlag.

          Seit zwei Jahren ist sie die Chefin

          "Geist ist nicht gratis", war das Programm früher überschrieben, inzwischen hält man es mit dem braveren Credo: "Österreichische Autoren sind unser Herzblut." Dafür, daß der Verlag auch künftig nichts einbüßt an geistiger Radikalität, programmatischem Mut zur Unbedingtheit und dem persönlichen Engagement eines Familienbetriebs, sorgt Annette Knoch, älteste Tochter von Verlagsgründer Maximilian Droschl.

          Vor gut zwei Jahren hat die zierliche, temperamentvolle Frau den Verlag übernommen. Hartnäckigkeit, Fleiß und Urteilskraft mag sie vom Vater geerbt haben; die Liebe zu den Büchern ist ihre ureigene. Sie bezeichnet sich selbst als "grundneugierige Person", die mit dem schrägen Blick ihrer Autoren auf die Welt sympathisiert.

          Annette Knochs zupackende, gradlinige Art läßt vermuten, daß sich nicht nur gut mit ihr auskommen, sondern auch bestens mit ihr zusammenarbeiten läßt, was vor allem der Lektor und Entdecker Rainer Götz tut, seit vielen Jahren Dritter im Droschl-Bund.

          Das Programm ist schmal und konsequent

          In aller Bescheidenheit ist Annette Knoch stolz auf das Erbe, das sie mit vierunddreißig Jahren angetreten hat. Eine Anregung von Günter Grass hatte 1978 dazu geführt, daß die väterliche Galerie mit Buchladen zum Verlag erweitert wurde: Hier fand Max Droschl jene Erfüllung, die ihm bei seiner Tätigkeit als Ingenieur in der eisenverarbeitenden Industrie fehlte.

          Dort jedoch erwirtschaftete er jenes Kapital, das den Verlag bis heute trägt. Die Substanz, von der man lebt, ist die Backlist, eine sichere Einnahmequelle. Diese Titel sind nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht überlebenswichtig, sondern auch gut fürs Renommee: Bei Droschl wird niemals geramscht.

          Wer wie Annette Knoch aufgewachsen ist in einem offenen Haus, wo Schriftsteller und Künstler ein und aus gingen, mit dem Steirischen Herbst und dem Forum Stadtpark vor der Tür, legt ganz von selbst strenge Maßstäbe an. Das Droschl-Programm ist so schmal wie konsequent.

          Sie ist eine Dienerin der Bücher

          Bei der Titelauswahl läßt man sich nicht von Auflagenerwägungen leiten, sondern setzt allein auf Qualität. Diese Entscheidungsfreiheit und Wendigkeit sieht Annette Knoch als größtes Gut ihrer Arbeit an. Als David unter lauter Goliaths lebt es sich nicht schlecht. Wenn sie sich für ein Buch entscheide, tue sie dies "mit Haut und Haar".

          Bei einem Programm von jeweils acht Titeln, also sechzehn Neuerscheinungen im Jahr, könne sie sich um jedes einzelne Buch und um jeden Autor selbst kümmern - was sie allerdings auch muß. Als Verlegerin begreift sie sich jedoch ganz als Dienerin ihrer Bücher. Denn es gilt, für jeden Titel einen eigenen Weg zum Leser zu finden: Das einzige, was ihr manchmal fehle, sagt Annette Knoch bedauernd, seien eben die Werbeetats der großen Häuser.

          Gegenwartsautoren und Klassiker

          Der Droschl Verlag bleibt seinen zwei Linien treu: Zum einen widmet man sich österreichischen Gegenwartsautoren, die sich wie Friedrike Mayröcker, Gerhard Rühm oder Ferdinand Schmatz durch eine gewisse Formstrenge auszeichnen, zum anderen bemüht man sich um Klassiker wie Julien Gracq oder Henri Michaux, auch um die Wiederbelebung von bedeutenden Autoren, die sich in ihrer Zeit nicht durchsetzen konnten, wie Mela Hartwig oder aktuell Angel Vazquez.

          Schließlich richtet sich das Augenmerk auch auf Lyriker wie Andrea Zanzotto oder Robert Creeley. Der Nachwuchs wird ebenfalls nicht vernachlässigt: Erst im letzten Jahr erhielt Thomas Stangl für seinen Roman "Der einzige Ort" den "Aspekte"-Preis für das beste deutschsprachige Debüt. Die Verkaufszahlen sind beachtlich.

          Einige wandern ab - und kommen doch zurück

          Annette Knoch hatte sich zur Freude des Vaters früh für den Verlag interessiert. Dem Studium der Kunstgeschichte und Germanistik in ihrer Heimatstadt folgte eine längere Station im Hamburger Literaturhaus. Ganz offensichtlich liebt sie ihre Arbeit: "Man sitzt an allen Hebeln." Das tut sie oft bis spät in die Nacht hinein: Vom Lektorat bis zum Satz, von der Autorenbetreuung bis zum Vertrieb, alles liegt in ihren eigenen Händen - und denen von Rainer Götz.

          Auch der Vater steht ihr weiterhin mit Rat und Tat zur Seite - und daß nicht nur in geschäftlicher Hinsicht, sondern manchmal auch als Babysitter. Der Verlag liegt in der Alberstraße im Herzen von Graz; vorne prangen die Bücher im Fenster, hinten im Hof steht der Sandkasten für die Kinder. Annette Knoch ist verheiratet mit einem Physiker; die Kinder Kilian und Lola sind fünf und drei Jahre alt.

          Pionierarbeit und Entdeckerfreude bringen es mit sich, daß viele Autoren, die bei Droschl ihre ersten Titel veröffentlicht haben, später von größeren Verlagen abgeworben werden, wie Franz Josef Czernin oder Gerhard Roth.

          Annette Knoch verschmerzt es - schließlich, so sagt sie, blieben viele dem Haus dennoch verbunden und kehrten zurück, etwa um einen Band zur renommierten Essay-Reihe beizusteuern. Dort erscheint in in diesem Herbst Ilma Rakusas "Langsamer!", ein Plädoyer "gegen Atemlosigkeit, Akzeleration und andere Zumutungen". Nirgendwo dürfte der Titel besser aufgehoben sein als bei Droschl.

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