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Verlegerinnen : Das Paradies liegt auf dem Schreibtisch

  • -Aktualisiert am

Susanne Schüssler in ihrem Büro Bild: F.A.Z. - Christian Thiel

Kontinuität im Wandel: Susanne Schüssler sorgt beim Wagenbach Verlag für Verjüngung, Internationalität und Profil. Dabei spürt sie dennoch die Verantwortung für die Tradition des Hauses.

          3 Min.

          Es ist, kein Zweifel, Sommer im Berliner Wagenbach Verlag. Durch die offenen Fenster schlägt Lärm herauf von der Emser Straße, es gibt Eistee aus einer leicht beschlagenen Glaskaraffe, und die meisten der hellen, hohen Büros stehen leer. Schulferien, sagt Susanne Schüssler, die Chefin, beinahe entschuldigend, während sie an ihrem beängstigend aufgeräumten Schreibtisch sitzt, einen Strauß blasser Rosen neben sich. "So ordentlich sieht es hier nicht immer aus", lacht sie, als sie den staunenden Blick des Gastes auffängt. Sie hat vorgearbeitet. Noch drei Tage, dann beginnt auch für sie der Urlaub. Dann fährt die promovierte Germanistin, wie jedes Jahr, nach Italien, wo ihr Mann Klaus Wagenbach, der den Verlag im Herbst 1964 gegründet hat, schon auf sie wartet.

          Im Jahr 2000 hat Susanne Schüssler von ihm, dem gut dreißig Jahre Älteren, die Geschäftsführung übernommen, gemeinsam mit seiner Tochter Nina Wagenbach, und seit Anfang 2002 ist sie auch Hauptgesellschafterin. Der Verlag gehe in "andere", aber eben "vertraute Hände" über, versprach Klaus Wagenbach damals, und auch Frau Schüssler betont das Bruchlose des familieninternen Übergangs. Sie wolle den Verlag, bei dem sie 1991 in der Pressearbeit begonnen hat, nicht neu erfinden. Sie müsse nicht partout alles anders machen. Das habe sie einmal erlebt, als der Verlag, in dem ihr Vater medizinische Fachzeitschriften publizierte, von einem Großen der Branche geschluckt worden sei. Nichts sollte fortan mehr wie früher sein. Es hat funktioniert: Nach zwei Jahren war der Verlag pleite.

          Ein Veto genügt, einen Titel zu kippen

          Also streicht Susanne Schüssler die Kontinuität im Wandel heraus. Am Prinzip des "Konsenslektorats" werde man festhalten: Jeder der vier Lektoren muß alle Bücher im Programm gutheißen; ein Veto genügt, einen Titel zu kippen. Das macht viel Arbeit, stiftet aber auch Identität. Und "natürlich" bleibe Wagenbach ein "linker" Verlag. Wobei die Verlegerin einräumt, daß es schwierig geworden sei, zu sagen, was heute links heiße. Sich einzumischen, formuliert sie versuchsweise, die Dinge verbessern zu wollen - und darauf zu vertrauen, daß das möglich sei. Im Programm schlägt sich diese Haltung nieder in Titeln wie "Krieg, Verbrechen, Blasphemie" von Ulrich Preuß über das Völkerrecht nach dem 11.September oder in Josef Reichholfs Thesen über den "Ökokolonialismus Europas".

          Für flexible Arbeitszeitmodelle: Susanne Schüssler
          Für flexible Arbeitszeitmodelle: Susanne Schüssler : Bild: F.A.Z.- Christian Thiel

          Gern würde Frau Schüssler auch ein Buch über die Familiendebatte in Deutschland machen. Schließlich geht ihr das Thema, wie allen arbeitenden Vätern und Müttern, ständig im Kopf herum. Als Unternehmerin legt sie deshalb großen Wert darauf, ihren Mitarbeitern den Spagat zwischen Beruf und Kindern tunlichst zu erleichtern, durch flexible Arbeitszeitmodelle vor allem. Wie zur Erinnerung hat sie hinter dem Schreibtisch ein Tuschebild ihrer eigenen achtjährigen Tochter aufgehängt. Sind das nun "linke" Themen - Ökologie, Völkerrecht, Familie?

          Große Hoffnung auf das „Paradies“

          Auf der anderen Seite des Schreibtischs, auf einem halbhohen Regal, steht ein erstes Exemplar von A.L. Kennedys Roman "Paradies", der im Herbst erscheinen wird. Große Hoffnungen ruhen auf dem Buch. Es soll manche der anderen, sperrigeren Projekte durchschleppen helfen, die wunderbare, aber durchaus riskante Vasari-Edition zum Beispiel. Doch A.L. Kennedy markiert auch die behutsamen Veränderungen, die Frau Schüssler eingeleitet hat. Internationaler ist das Programm geworden, weniger italienzentriert als früher. Und jünger: Wagenbach hat beispielsweise den Roman "Than" von Thomas Lang im Programm, der gerade in Klagenfurt den Bachmann-Wettbewerb gewonnen hat, und Susanne Schüssler ist sichtlich enttäuscht, daß sich der Autor sträubt, jetzt einen Band mit Erzählungen zu publizieren, in dem auch das preisgekrönte "Am Seil" erscheinen könnte.

          Wie wird der Wagenbach Verlag in zehn Jahren aussehen? Susanne Schüssler läßt sich viel Zeit mit der Antwort. Ein Verlag, sagt sie schließlich, lebt immer auch von dem, was um ihn herum geschieht. Früher ist Wagenbach der Verlag der Studentenbewegung gewesen, der Verlag von Ulrike Meinhof, Franz Kafka und Erich Fried. Das habe nicht nur den Ruf geprägt, sondern auch die Inhalte. Aber das ist vorbei. Die Gesellschaft hat sich ausdifferenziert und mit ihr die Liste der Neuerscheinungen. Nicht zufällig ist das sichtbarste Rot bei Wagenbach mittlerweile das leuchtend rote Leinen, in das die Bände der "Salto"Reihe eingeschlagen sind. In den Programmen regieren längst ästhetisch verfeinerte bildungsbürgerliche Interessen: Casanovas Venedig, Kafkas Prag, "Der englische Garten", oder zuletzt, im Frühjahrsprogramm, "Die Nase Italiens" über Federico da Montefeltro, den Herzog von Urbino. Schon möglich, sagt Susanne Schüssler, daß das Politische wieder stärker in den Vordergrund tritt, wenn sich die Debatten verschärfen. Vielleicht ja bereits im Herbst, sollte tatsächlich gewählt werden. Für die Linke, sagt sie lächelnd, sei es jedenfalls immer besser, wenn die Rechten regierten.

          Verantwortung für den Verlag spürbar

          Und sie selbst, hat sie sich verändert während der drei Jahre als Verlegerin? Ja, schon, sagt sie. Sie spüre die Verantwortung für den Verlag und dessen Tradition. Für die Kollegen. Es seien harte Jahre gewesen zuletzt. Die Auflagen ließen sich zusehends schwieriger kalkulieren, die Buchhandlungen bestellten immer vorsichtiger. Alle Ausgaben habe sie überprüfen, die Kosten senken müssen, ohne Abstriche bei der Qualität zuzulassen. Das sei ein diffiziles Geschäft, eines, das auch ein wenig einsam mache. Und wie sie so dasitzt hinter ihrem Schreibtisch, schmal, sehr gerade, vielleicht eine Spur müde um die Augen, glaubt man Susanne Schüssler aufs Wort.

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