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Gespräch mit Antje Kunstmann : Als Frau wird man immer noch am Defizit gemessen

Antje Kunstmann begann ihre Laufbahn im Kalten Krieg mit feministischen Texten, heute gilt sie als Vorzeigefrau der Verlagsbranche. Bild: Dominik Gierke

Ihre Karriere begann sie mit feministischen Texten, heute feiert Antje Kunstmann, die Vorzeigefrau der Verlagsbranche, vierzig Jahre Unabhängigkeit. Ein Gespräch über Internetmonopole und wirklich gute Autoren.

          Frau Kunstmann, vierzig Jahre als Verlegerin sind keine Kleinigkeit. Verraten Sie uns das Geheimnis Ihres Erfolgs.

          Ein Erfolg hat immer viele Mütter und Väter, ein Rezept dafür gibt es nicht. Jedes erste Buch ist „Glaube, Liebe, Hoffnung“. In der Literatur ist es ein bestimmter Ton und Stil, ganz abgesehen vom Inhalt, der überzeugt. Bei Axel Hacke hat sich dieser Ton, seine Sprachmächtigkeit, sein Witz früh in meinen Kopf gedreht, bevor sein „Kleiner Erziehungsberater“ so erfolgreich wurde und sich mehr als eine Million Mal verkauft hat. Beim Sachbuch hat man manchmal das Glück, das richtige Thema zur richtigen Zeit zu haben, so war es bei Donata Elschenbroichs „Das Weltwissen der Siebenjährigen“. Bei uns gibt es immer wieder Bücher zu Themen, die aktuell die Gesellschaft beschäftigen. Denken Sie an Fabrizio Gattis Buch „Bilal“ über das Millionenheer illegaler Einwanderer. Das ist bei uns vor mehr als sechs Jahren erschienen – lange vor der aktuellen Flüchtlingsproblematik. Mit unserem Jubiläumsprogramm wollen wir zeigen, wofür der Verlag steht, deshalb etwa die Protokolle des NSU-Prozesses unmittelbar nach dessen Ende. Das halte ich für eine wichtige Geschichte.

          Gattis Buch liegt heute als Taschenbuch bei Rowohlt vor. Waren eigene Taschenbücher nie eine Überlegung?

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Das hat für uns keinen Sinn, der Markt ist aufgeteilt. Dazu brauchten wir viel Kapital, und das haben wir nicht – wir machen mit zwölf Mitarbeitern zwischen vierzig und fünfzig Titel im Jahr und setzen damit rund viereinhalb Millionen Euro um, die Hörbücher mit eingerechnet. Wobei das Hörbuch eine immer kleinere Rolle spielt.

          Wie kommt das? Sie waren doch gerade in diesem Segment sehr erfolgreich.

          Der Markt hat sich total verändert. Wir verwerten zum Teil unsere eigenen Rechte. Aber mit der Entwicklung der Technik in Richtung Download hat sich die Nachfrage verändert. Die ganze Verwertungskette zu spielen, das können größere Verlage einfach besser als wir. Gut funktionieren bei uns große Produktionen wie „Die Grandauers“ oder Alexander Kluges „Chronik der Gefühle“.

          Wie läuft der Verkauf von Taschenbuchlizenzen an Konzernverlage?

          Die großen Verlage kaufen längst nicht mehr so großzügig ein. Das hat mit der Konzentration im Verlagswesen zu tun und damit, dass die großen Verlagshäuser eigene Hardcover-Imprints gegründet haben, deren Titel sie im eigenen Taschenbuchprogramm verwerten. Das spüren vor allem kleine Verlage, die gute und wichtige Bücher haben. Für eine Zweitverwertung im Taschenbuch aber muss das Buch als Hardcover Erfolg gehabt haben, sonst interessiert es nicht.

          Hausinterne Selbstbefruchtung.

          Ja, das ist deren eigene Ökonomie. Sie bespielen sich selbst. Zum Teil hat das aber auch damit zu tun, dass die Auflagen der Taschenbücher stark zurückgegangen sind, gerade bei politischen Titeln. Die Bücher haben insgesamt eine kürzere Lebensspanne. Heute wird, weil so viel Neues kommt, vom Buchhandel immer schneller remittiert. Wenn man auf eine längerfristige Präsenz hofft, sieht man sich getäuscht – so ausdauernd ist unsere Gesellschaft halt nicht.

          Wie wichtig ist für einen Verlag Ihrer Größe die Zuneigung des Buchhandels?

          Absolut wichtig. Das steht für uns im Zentrum: Wie schafft man Aufmerksamkeit für die Bücher? Im Gegensatz zu Amazon, wo man meist weiß, was man kaufen will, kommen die Kunden in Buchhandlungen, um sich überraschen zu lassen.

          Als Sie 1976 beim Frauenbuchverlag und zusammen mit Peter Weismann anfingen, gab es in München weder die Großbuchhandlung Hugendubel am Marienplatz noch andere Ketten wie Thalia geschweige denn einen Online-Versand.

          Dafür gab es eine Vielzahl kleiner Buchhandlungen, deren Bestellverhalten ganz anders war als heute. Ich habe unlängst im Keller alte Bestellzettel gefunden: Meine Güte, da wurde in der Regel eine Partie, das heißt elf Exemplare zum Preis von zehn, bestellt. Heute sind es ein, zwei Exemplare. Nur von Bestsellern nimmt der Handel mehr.

          Die Entschlossenheit vieler Händler, Bücher verkaufen zu wollen, scheint auszusterben. Woher diese Defensive?

          In den Filialen der großen Ketten werden keine Empfehlungen ausgesprochen, sondern Wege aufgezeigt, die der Kunde zu einem bestimmten Buch nehmen soll. Man denkt dort viel darüber nach, wo der Kunde hingeht, wie er sich im Laden bewegt. Gleichzeitig nimmt die Zahl der kleinen, inhabergeführten Buchhandlungen kontinuierlich ab. Eine beispielhafte Anekdote: Als Ernst Rowohlt C. W. Cerams „Götter, Gräber und Gelehrte“ zu veröffentlichen plante, hat er vorher Buchhändler gefragt, wie viele Exemplare jeder von ihnen abnehmen würde. Ich glaube, es war Felix Jud in Hamburg, der sagte: Davon verkaufe ich hundert Stück. Da hatte man als Verleger gleich ein ganz anderes Gefühl. Man muss aber auch sehen, dass das Buch damals ein Medium war, das kaum Konkurrenz hatte. Im Internetzeitalter haben die Leute ein anderes Zeitkontingent.

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