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Verlagswelt : Es geht um die Wurst: Wie Wagenbach sein Vierzigjähriges feiert

  • -Aktualisiert am

Verleger der Studentenbewegung: Klaus Wagenbach Bild: dpa/dpaweb

Rot waren allein die Luftballons, die in den blauen Himmel aufstiegen, und die Socken des Alt-Verlegers: Im Literarischen Colloquium am Wannsee hat der Wagenbach Verlag sein vierzigjähriges Bestehen gefeiert.

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          So schlecht kann es um die Literatur nicht stehen. Die Menschenmenge, die sich am Samstag durchs Literarische Colloquium Berlin wühlte, nahm fast schon bedrohliche Ausmaße an. Der Wagenbach Verlag feierte sein vierzigstes Jubiläum, und diese alte, ehrwürdige West-Berliner Institution ist immer noch in der Lage, die Massen in Bewegung zu setzen.

          Schon im S-Bahnhof Wannsee hingen richtungweisende Schilder: "Hier lang!", so daß man den Eindruck bekam, alle Ausflügler würden an diesem Tag durchs literarische Gelände geschleust. Auf der Terrasse ging es weder vor noch zurück. Die Schlange, die sich vor dem Grill bildete, reichte quer durch den Garten. Wer etwas zu essen ergattern wollte, mußte viel Geduld mitbringen. Literaturfreunde, so scheint es, sollen sich primär vom Wort ernähren. Die italophilen Köstlichkeiten, die versprochen worden waren, ließen sich jedenfalls nirgends entdecken.

          Als gehörten die Damen und Herren vom Staatsschutz zum Inventar

          Es war immer schon schwer, auf dem Sommerfest des LCB eine Wurst zu ergattern. Jedes Jahr bestreitet ein anderer Verlag das Festprogramm, doch an der Wurstfrage sind sie bisher alle gescheitert. Im Falle Wagenbach, der doch als Heimat von Hedonismus, Sinnenfreude und Sättigung gilt, ist dieses Scheitern besonders schmerzlich. Ein Schweizer Autor, der sich nach zehnstündiger Anreise wohlgemut ins Getümmel warf, gab sich gegen 23 Uhr mit einem Schälchen trockenen Reises zufrieden. Vielleicht waren es einfach zu viele Menschen für einen einzigen Abend.

          "Warum ich?" fragte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, der geladen war, die Festrede zu halten. Sei er etwa nur als Vertreter des bestimmt noch in der Toscana weilenden Otto Schily zu dieser Ehre gekommen? Schließlich war es Schily, der in der Zeit der RAF-Hysterie zahlreiche Prozesse für den Verlag führte und sie allesamt in Würde verlor. Damals erschien bei Wagenbach Ulrike Meinhofs "Bambule" oder der "Rote Kalender" für Lehrlinge - mit strafrechtlichen Konsequenzen. Nun standen die Damen und Herren vom Staatsschutz im Hintergrund, als gehörten sie zum Inventar.

          Einst mit Entschlossenheit die innerdeutsche Grenze ignoriert

          Rot waren allein die Luftballons, die in den blauen Himmel aufstiegen, und die Socken des Alt-Verlegers, der die Geschäfte vor zwei Jahren an seine Frau Susanne Schüssler übergeben hat. Sie setzt die Aufgabe fort, den Verlag als konzernunabhängiges Unternehmen zu steuern. Zwei Drittel der Bücher sind mit Verlusten kalkuliert. Die Gewinnbringer dienen dazu, die verlegerischen Leidenschaften zu finanzieren. Der Gewinnbringer schlechthin ist nach wie vor Erich Fried. Mehr als 300.000mal haben sich allein seine Liebesgedichte verkauft. Wagenbach weiß es selbst nicht so genau. "Entsetzlich viele" seien es, "Gott sei Dank".

          Unten, an der Rotunde am See, las er zusammen mit dem Schauspieler Hans Zischler siebzehn Gedichte aus neununddreißig Jahren Verlagsgeschichte, die meisten davon aus den sechziger und frühen siebziger Jahren: Bobrowski, Hermlin, Biermann, Delius, Meckel oder Peter Schneider. Sie zeigten, mit welcher Entschlossenheit Wagenbach einst die innerdeutsche Grenze ignorierte und eine gesamtdeutsche Literatur verteidigte, was ihm in Ost und West gleichermaßen Mißtrauen einbrachte: Galt er hier als Kommunist, so wurde er in der DDR als Biermann-Verleger jahrelang mit Einreise- und Transitverboten malträtiert. Das alles ist längst zu Anekdoten geronnen. Wolfgang Thierse formulierte es weihevoll, als er Wagenbach mit dem Satz gratulierte: "Sie haben die demokratische Kultur unseres Landes bereichert." Die Sonne ging malerisch hinter dunklen Wolken unter.

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