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Verlage : Ein Hexenkessel namens Suhrkamp

Die Dorfgesellschaft des deutschen Literaturbetriebs hat ein neues großes Thema: Die Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz muß sich allen Ernstes gegen den Vorwurf der Hexerei verteidigen. Von Patrick Bahners.

          Ein Reporter der „Zeit“, weiland Zentralorgan der Aufklärung, hat die Verlegerin des Suhrkamp-Verlages, weiland Zentralinstitut für Aufklärung, befragt. Eine Frage Wolfgang Büschers an Ulla Unseld-Berkéwicz lautet: „Haben Sie mit Hexen gearbeitet?“ Die Befragte gibt zu Protokoll: „Ich kenne keine Frau, die Hexe ist oder als solche für mich gearbeitet hat.“

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Vor zwölf Jahren erschien bei Piper eine Streitschrift des Psychoanalytikers Tilmann Moser, eines Hausautors des Suhrkamp-Verlages. Moser untersuchte mehr als hundert Besprechungen, die zu dem bei Suhrkamp verlegten Roman „Engel sind schwarz und weiß“ von Ulla Berkéwicz erschienen waren, und faßte sein Ergebnis im Titel des Buches zusammen: „Literaturkritik als Hexenjagd“. Aus der Romanschriftstellerin Ulla Berkéwicz ist die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz geworden. Spätestens seit dem Tod Siegfried Unselds am 26. Oktober 2002 steht sie im Zentrum einer öffentlichen Aufmerksamkeit, die eine Wiederverzauberung der geistigen Welt bewirkt hat. Aus der Metapher von der Hexenjagd ist Wirklichkeit geworden.

          In der Form gefangen

          Bei Moser war der Begriff noch die kleinste Münze einer Kritik der Kritik, die vom Verdacht geleitet wird, jedes Urteil sei ungerecht, weil die Unterscheidung per definitionem diskriminiert und weil der Rezensent immer die Person trifft, auch wenn er über die Sache handelt. Ulla Berkéwicz wurde einhellig verrissen? Dann muß sie etwas Verdrängtes zur Sprache gebracht haben, von dem man nichts hören will. Heute aber, da Frau Unseld-Berkéwicz in einem Kampf um die Macht in ihrem Unternehmen steht, muß sie sich allen Ernstes gegen den Vorwurf der Hexerei verteidigen. Und die literarische Pointe der Geschichte ist, daß sie in ihrer Verteidigung in der Form gefangen bleibt, die der Vorwurf ihr vorgibt. Die Suhrkamp-Story, von der in Klischees vernarrten Buchbranchenreporterzunft immer wieder als Familienroman klassifiziert, hat sich endgültig in Literatur verwandelt. Das Interview in der „Zeit“ wiederholt das Schema der Verhörprotokolle aus den Hexenprozessen, wie es aus den Dissertationen der jüngeren Geschichtswissenschaft bekannt ist.

          Hat sie mit Hexen gearbeitet? Hat sie mit anderen Besessenen ihr Süppchen gekocht und das Tanzbein geschwungen? Das war die entscheidende Frage an die der Hexerei verdächtigte Frau. Die bündigste Erklärung dieses Umstands findet sich in dem Sammelband über „Die Anfänge der europäischen Hexenverfolgungen“, der 1990 unter dem Titel „Ketzer, Zauberer, Hexen“ als violettes Taschenbuch in der Edition Suhrkamp erschienen ist. In seinem Aufsatz über Anfänge des Hexenwahns in den Alpen schreibt der Konstanzer Historiker Arno Borst: „Wer hexte, handelte nicht als Einzelmensch.“ Die Fahrt zum Blocksberg stellte man sich als Gemeinschaftsausflug vor und den Hexensabbat als richtigen altmodischen Ringelpiez. Wer den Umgang mit Hexen zugeben mußte, gestand, selbst eine Hexe zu sein.

          Ein Phänomen der Dorfgesellschaft

          Die Hexenforschung hat alle möglichen Theorien zur Erklärung des Hexenverfolgungswahns durchprobiert. Konsens herrscht darüber, daß es sich wesentlich um ein Phänomen der Dorfgesellschaft handelt. Hexereivorwürfe kommen dort auf, wo man sich zu lange und zu gut kennt und sich nicht aus dem Weg gehen kann. Kein Wunder, daß sie im deutschen Literaturbetrieb auf fruchtbaren Boden fallen. Harald Martenstein zitierte vor drei Jahre im „Tagesspiegel“ einen namenlosen jungen Kritiker mit dem Satz: „Sie hat übrigens, als Unseld krank war, ukrainische Hexen einfliegen lassen.“ Auf die Frage nach seiner Quelle soll der Gewährsmann gesagt haben: „Hör dich um. Jeder erzählt das.“

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