https://www.faz.net/-gqz-qe1y

Urteil : Esras Sieg: Biller-Roman bleibt verboten

  • -Aktualisiert am

„Esra” und kein Ende: Maxim Biller Bild: ddp

Der stark autobiographisch gefärbte Roman „Esra“ von Maxim Biller bleibt verboten. Der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe wies am Dienstag die Revision des Kölner Verlags Kiepenheuer & Witsch zurück.

          3 Min.

          Der Schriftsteller Maxim Biller hat im Frühjahr 2003 den Roman „Esra“ veröffentlicht, in dem sich zwei Frauen so negativ dargestellt fanden, daß sie mit einer Unterlassungsklage gegen den Verlag die Verbreitung des Buches zu verhindern versucht haben.

          Bisher mit Erfolg. Landgericht und Oberlandesgericht München haben ihnen recht gegeben. Jetzt mußte der Bundesgerichtshof entscheiden. Gestern war die Verhandlung über die Revision.

          Wut verschwindet nicht durch Streichungen

          Der Verlag hatte zuvor mehrfach versucht, die Sache friedlich-schiedlich beizulegen, und den beiden Frauen angeboten, die Figuren stärker zu verfremden und anstößige Stellen zu streichen. Die Klägerinnen haben jeweils abgelehnt. Wahrscheinlich saß die Verletzung zu tief. Mit der jüngeren hat Biller eineinhalb Jahre zusammengelebt, die ältere ist ihre Mutter. Beide sind Türkinnen. Das intime Verhältnis ist Gegenstand des Romans. Ein krankes Kind spielt auch eine wichtige Rolle.

          Jetzt sehen die beiden Frauen ihre Beziehungen zum Autor detailliert beschrieben - vom Frühstücken bis zum Bettverhalten. Das liest sich beschämend und schrecklich. Sonst nur Bewispertes wird einer breiten Öffentlichkeit dargeboten. Freunde, Verwandte und Landsleute können es lesen. Zorn und Scham sind nicht mit ein paar Streichungen zu besänftigen.

          Dichtung und Wirklichkeit vor Gericht

          Von diesem Leidensleben spürte man im Sitzungssaal 10 des Bundesgerichtshofes in Karlsruhe nichts. Die Anwälte schritten in ihren weinroten oder schwarzen Roben auf und ab und steckten wie bei Daumier die Köpfe zusammen. Von den drei Stuhlreihen nahm ein germanistisches Seminar aus Koblenz die letzte ein.

          Die jungen Damen wollten etwas über Dichtung und Wirklichkeit erfahren. Ob sie gemerkt haben, daß ein Gericht für diese Frage nicht die richtige Adresse ist, auch wenn es einen Literaturfall zu entscheiden hat?

          Es hätte ihnen auffallen können, als der Anwalt der Frauen daran erinnerte, wie sehr die Darstellung des Romans das Kind Billers und der Klägerin verstören könnte, und der Anwalt des Verlages konterte, er sehe nicht, was das Kind mit der Verletzung des Persönlichkeitsrechtes zu tun habe. Juristisch hatte er recht. Aber wer Kinder hat, weiß, daß er in der Wirklichkeit unrecht tut.

          „Mephisto“ als Leitfall

          Die Vorsitzende Richterin, eine Expertin des Persönlichkeitsrechtes, eröffnete die Verhandlung mit Hinweisen auf die rechtserheblichen Gesichtspunkte. Es komme auf eine Abwägung zwischen Kunstfreiheit und Persönlichkeitsrecht an. Dafür gebe es einen Leitfall: Klaus Manns Roman „Mephisto“, in dem Mann Gustaf Gründgens nach dessen Tode schwerwiegende Vergehen angedichtet habe.

          Im Fall „Esra“ sei also zunächst zu prüfen, ob die beiden Frauen überhaupt erkennbar seien, und dann, ob es unwahre Behauptungen gebe, welche die Frauen schädigten. Die Vorsitzende hob aber selbst den Unterschied zwischen beiden Fällen hervor. Mann wollte Gründgens' Ruf ruinieren, Biller aber nicht den der beiden Frauen.

          Er wollte nur die Realität schildern, und die war offenbar nicht so, wie die beiden sie gern gehabt hätten. Das ist der entscheidende Punkt: Darf man einen anderen bloßstellen? Moralisch sicher nicht. Aber juristisch? Die Richterin sah das Problem eher im Paradox die Fiktionalität: Entspreche eine künstlerische Darstellung zu sehr der Wirklichkeit, gerate sie zum Porträt, entspreche sie ihr zuwenig, werde sie zur Entstellung.

          Kunst rechtfertigt Erniedrigung nicht

          Der Anwalt des Verlags spielte danach so lange mit der Spannung zwischen Kunst und Wirklichkeit, bis plausibel wurde: Man kann bei Darstellungen nicht scharf zwischen Kunst und Wirklichkeit unterscheiden. Reine Fiktionen interessieren niemanden. Der Künstler muß sagen können: Seht, so ist die Welt! Das ist wohl wahr.

          Der Anwalt der beiden Frauen durchbrach diese „kunstlose Abwägerei“: Kunstfreiheit und Persönlichkeitsrecht seien schon wichtig. Aber hier gehe es um mehr, um die Würde des Menschen. Verletzungen des Persönlichkeitsrechtes müsse man bis zu einem gewissen Grade hinnehmen. Die Würde des Menschen sei unantastbar.

          Sie ist in der Tat zu prüfen. Maxim Biller hat die Frauen, besonders die Liebe der jüngeren, schlimm instrumentalisiert, vielleicht für die Kunst. Aber rechtfertigt Kunst Erniedrigungen?

          Darstellungen sind nicht von der Kunstfreiheit gedeckt

          Am Nachmittag verkündete der Bundesgerichtshof sein Urteil, das die bisherigen Instanzen bestätigte: „Esra“ bleibt verboten. Der Roman greife, so die mündliche Begründung, „in schwerwiegender Weise in das allgemeine Persönlichkeitsrecht“ der beiden Klägerinnen ein. Es würden zahlreiche Details aus ihrem Leben offenbart. Die Romanfiguren seien nur unzureichend verfremdet. Im Roman würden keine Typen dargestellt, sondern Porträts.

          Die vom Autor frei erfundenen, überwiegend negativen oder bloßstellenden Darstellungen würden deshalb vom Leser mit realen Einzelheiten aus dem Leben der beiden Klägerinnen gleichgesetzt: „Dies ist von der Kunstfreiheit nicht gedeckt.“ Deshalb habe das Grundrecht der Kunstfreiheit hinter dem ebenfalls in der Verfassung verbürgten Persönlichkeitsrecht der Klägerinnen zurückzutreten.

          Der Verlag Kiepenheuer&Witsch kann gegen das Urteil zwar Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht einlegen. Diese hätte aber keine aufschiebende Wirkung, das heißt, es bliebe bei dem Veröffentlichungsverbot. Bis zur Entscheidung über eine Verfassungsbeschwerde vergehen in der Regel mehrere Jahre. Nur wenn das Bundesverfassungsgericht das Urteil aufheben würde, könnte der Roman doch noch verbreitet werden. Eine Sprecherin des Verlags erklärte, darüber sei noch keine Entscheidung gefallen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Mundschutzpflicht : Wiener Maskenball

          Wer in den Supermarkt geht, soll eine Gesichtsmaske tragen. Mit dieser neuen Vorgabe möchte Österreichs Regierung gerne die geltenden Ausgangsbeschränkungen lockern. Doch im Land steigen die Infektionszahlen ungebremst.

          Digitale Kommunikation : „Microsoft fühlt sich bedroht“

          Slack und Microsoft Teams sind in Homeoffice-Zeiten die Apps der Stunde. Zwischen den Konzernen hinter ihnen führt das zu Reibereien. Der Slack-Vorstandschef fühlt sich gewappnet – erst recht in der Corona-Krise.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.