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Ursprünge des Kommunismus : Marx hat nie vom Paradies geträumt

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Köpfe des Kommunismus Bild: Picture-Alliance

Wo beginnt die Geschichte des Kommunismus und wann hört sie auf? Gerd Koenen beschreibt umsichtig die Geschichte egalitärer Theorien – und stößt dabei auf ihr fundamentales Paradox.

          Eine Geschichte des Kommunismus zu schreiben, ist ein heikles Unterfangen, schon wegen der Frage, wo man beginnen und wann man enden solle. Üblicherweise haben sich die Verfasser solcher Bücher entweder für einen großen Essay oder aber ein mehrbändiges Werk entschieden, das dann über den Zeitraum von vielen Jahren erscheint. Soll es sich um eine Ideengeschichte des Kommunismus handeln oder eine Darstellung der zu seiner Verwirklichung unternommenen Projekte? Und wie ist der Kommunismus gegen den Sozialismus abzugrenzen? Vermutlich nur durch den Rekurs auf die sich entsprechend benennenden Parteien. Läuft eine Geschichte des Kommunismus also auf eine Geschichte der kommunistischen Parteien hinaus? Viele Fragen – und kaum eindeutige Antworten.

          Gerd Koenen hat die Sowjetunion ins Zentrum seiner Darstellung gerückt und von hier aus deren Vorgeschichte und Vorläuferschaften untersucht: Die Sowjetunion wäre nicht möglich gewesen ohne die Theorie von Marx und Engels, die deshalb einen weiteren Schwerpunkt seiner Darstellung bilden. Das Werk von Marx und Engels hätte freilich nicht entstehen können ohne die Vorläuferschaft einer Reihe von nationalökonomischen Autoren wie auch Verfassern von Utopien, und die wiederum haben sich fast immer auf Entwicklungen und Ereignisse bezogen, ohne deren Darstellung man ihre Überlegungen nicht verstehen kann.

          Ideengeschichte des notorischen Scheiterns von Prognosen

          So ist Koenens Buch zu einem Teleskop geworden, das ausgezogen werden muss, um den Blick auf die Oktoberrevolution 1917 und die wendungsreiche Geschichte der Sowjetunion freizugeben. Hat man sich erst einmal durch die mehr als tausend Seiten des Buchs durchgearbeitet, erscheint diese Herangehensweise durchweg plausibel. Man sollte sich also, bevor man zu lesen beginnt, mit dem ausführlichen Inhaltsverzeichnis vertraut machen, um einige Abschnitte der langen Vorgeschichte gegebenenfalls überblättern zu können. Man muss das aber nicht, denn Koenen hat eine große Fähigkeit, auf den ausgetretenen Pfaden von Platon über Morus zu Adam Smith, von Spartakus über Thomas Müntzer zu Gracchus Babeuf eine Fülle von Beobachtungen auszubreiten, denen man sonst nicht begegnet.

          Koenens vorsichtig-umsichtiger Gang durch die Geschichte der egalitären Projekte und Theorien hat seinen guten Grund, und der ist wesentlich ideologiekritischer Art: Seit dem neunzehnten Jahrhundert nämlich haben Sozialisten und Kommunisten selbst diese Vorgeschichten geschrieben und daraus eine „große Erzählung“ geformt, die das bevorstehende Zeitalter des Sozialismus beziehungsweise Kommunismus als die Einlösung eines alten Menschheitsversprechens darstellt.

          Wer die Geschichte der sozialistisch-kommunistischen Ideen erzählt, muss das mit kritisch analysierendem Blick tun, um sich nicht in den nach wie vor wirkmächtigen Legitimationskonstruktionen der Parteiautoren zu verheddern. Das ist eine Aufgabe, der sich Koenen hervorragend gewachsen zeigt, was auch damit zu tun haben dürfte, dass er sich selbst in den sechziger und siebziger Jahren, während seines eigenen „langen roten Jahrzehnts“, wie er es nennt, auf diesem Terrain bewegt hat. Er weiß um die Fallen und Gruben, die auf dem Weg durch die Ideengeschichte des Egalitarismus lauern.

          Zunächst ist die Ideengeschichte der „Farbe Rot“ eine des notorischen Scheiterns von Prognosen, in denen der baldige Zusammenbruch der bestehenden Ordnung und die Errichtung eines Reichs der Freiheit vorhergesagt wurden. Auch das verleiht dem Sowjetprojekt in Russland seine herausgehobene Stellung: Über mehrere Jahrzehnte konnte man den Eindruck haben, dass das, was zuvor ein ums andere Mal misslungen war, hier verwirklicht worden ist – jedenfalls haben zahllose Fellowtravellers aus dem Westen, die Russland bereisten, diesen Eindruck verbreitet.

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