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Urs Widmer zum Siebzigsten : Immer mit der Nase am Grenzzaun der Erkenntnis

  • -Aktualisiert am

Ein unerschrockener Hang zur Entlarvung, glitzernde Spielfreude, eine Schwäche für komische Effekte, traumwandlerisches Gefühl für Poesie und unbändige Erkenntniswut machen ihn aus: An diesem Mittwoch wird Urs Widmer siebzig Jahre alt.

          Dieser Schriftsteller ist ein Tüftler und Träumer, dem gleichzeitig Recherche und solides Handwerk keineswegs fremd sind. Unter den Literaten gehört er zu den leichtfüßigen Spielern, die neben einer wuchernden Phantasie über eine messerscharfe analytische Gabe verfügen und auf dem Feld der psychologischen Beobachtung ebenfalls beachtliche Ergebnisse erzielen. Diese schillernde, sich jeder normativen Einordnung widersetzende Begabung machte Urs Widmer zu dem, der er heute ist: einer der verblüffendsten und erfolgreichsten Schweizer Schriftsteller der Generation nach Frisch und Dürrenmatt.

          Während andere sich lieber gemeinsam auf dem literarischen Parkett bewegten, verfolgte der kantige Individualist stets seine eigene Spur. Schon setzt sich der Sohn eines Basler Gymnasiallehrers und Übersetzers nach Deutschland ab, wo er als Lektor bei Suhrkamp und Rezensent dieser Zeitung, später als Schriftsteller und Dozent an der Frankfurter Universität von 1967 bis 1984 bleibt. Es sind entscheidende Jahre, in denen er zehn Prosa- und sechs Theaterstücke schreibt. Wie seine Vorbilder Gottfried Keller und Robert Walser sich der Großstadt auslieferten, um sich selbst zu finden, sucht Urs Widmer den Widerstand in der literarischen Metropole Frankfurt, um zu triumphieren oder unterzugehen.

          Die Dämonen beschworen, die seine Kindheit bestimmten

          Als er in die Schweiz zurückkehrt, ist er zum Intellektuellen geworden, dessen erstaunliche Leistungen als Romancier sofort ins Auge springen, aber gelegentlich den Blick auf den furiosen Dramatiker und subtilen Essayisten verdecken, der auch Erstaunliches leistet. Zu den herausragenden Romanen zählen ohne Zweifel die beiden autobiographisch imprägnierten Geschichten „Der Geliebte der Mutter“ (2000) und „Das Buch des Vaters“ (2004), in denen er rückhaltlos das konfliktreiche Beziehungsspiel der Eltern erkundet. Mit eindringlichem Ernst und bitterböser Ironie beschwört er darin die Dämonen, die seine Kindheit bestimmten.

          Urs Widmer will allerdings nicht als Schweizer Schriftsteller gesehen werden, er pocht darauf, Teil der deutschen Literatur zu sein – nicht ohne die delikate Differenz stets mitzuformulieren. Er spüre in jeder Faser des Herzens, dass er eine andere Geschichte habe als seine Generationskollegen in Deutschland. In Basel sei er quasi mit der Nase am Grenzzaun auf jener Seite aufgewachsen, wo der Faschismus zwar in Spurenelementen hinreichte, aber eben doch nicht seine mörderische Gewalt entfalten konnte. Schon als Kind habe er darüber nachgedacht, ob ein Vogel, der über die Grenze fliege, wieder heil zurückkehre oder ob ihm drüben etwas angetan würde.

          Die Herrschaft des Geldes und die Lust an der Zerstörung

          Der Schriftsteller erlebte den Aufstand der 68er in Frankfurt; die damit einhergehende politische Sensibilisierung wird später in seinen Werken immer wieder fruchtbar. Scharfsinnig denunziert er etwa im Essay „Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück“ (2002) die Perversion der Neuen Ökonomie. In der Abkoppelung der Gefühle von der tatsächlichen Handlung, die kennzeichnend für die Perversion ist, sieht er das Axiom, das auch das ökonomische Denken bestimmt. Wo Geld herrsche, bereite Lust, was eigentlich Entsetzen auslösen sollte: die Zerstörung von Konkurrenten, die Erniedrigung von Mitarbeitern, die Demütigung von Rivalen.

          Die essayistische Erörterung des Kampfplatzes „Berufsalltag“ bildet ebenfalls die intellektuelle Grundlage seines rebellischen Stückes „Top Dogs“, mit dem er einen beachtlichen Publikums- und Kritikererfolg einheimste und zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. In diesem modernen Königsdrama, das er als Work in progress zusammen mit dem Regisseur Volker Hesse 1997 am Theater am Neumarkt erarbeitete, untersucht er die Tragödie gestürzter Spitzenmanager, die als Führungskräfte und Kampfsportler entfesselter Grausamkeit kaltblütig Untergebene exekutieren, bis sie dann nach der Logik des Lean management früher oder später selber über die Klinge springen müssen.

          Kein Zufall, dass „Top Dogs“ einen der Höhepunkte dieser Schriftstellerkarriere markiert. Das Stück birgt die Essenz dessen, was Urs Widmer seit den Anfängen antreibt: eine hochexplosive Mischung aus unerschrockenem Hang zur Entlarvung unangenehmer Wahrheiten, glitzernder Spielfreude, einer Schwäche für Klamauk und komische Effekte, einem traumwandlerischen Gefühl für Poesie sowie einer unbändigen Erkenntniswut dessen, was den Menschen im Kern bestimmt. An diesem Mittwoch wird Urs Widmer siebzig Jahre alt.

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