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Urheberrecht : Unsere Kultur ist in Gefahr

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Siegfried Lenz ist einer der prominenten Unterstützer des „Heidelberger Appells” Bild: dpa

Im „Heidelberger Appell“ warnen Verleger und Autoren vor der Aushöhlung des Urheberrechts durch die Methoden von Google. Hier erklärt Roland Reuß, der Inititator des Appells, warum die Erosion des Urheberrechts unsere gesamte Kultur massiv bedroht.

          Worum es in dem „Heidelberger Appell“ geht, ist leicht zu erklären - er plädiert für Publikationsfreiheit und die Wahrung des Urheberrechts. Das steht als Titel über dem Appell, und das ist auch seine Mahnung. Es geht nicht um unflexibles Festhalten an Traditionen, um die Abwehr digitaler Techniken oder um das Urteil über spezifische Publikationsformen. Worum es geht, ist der Respekt vor der unverwechselbaren Arbeit des Einzelnen, die durch geltendes Recht geschützt wird. Auf diesem Respekt vor selbstbestimmter kreativer Leistung beruht die Vielfalt des kulturellen Lebens. Das Urheberrecht hat sich aus einem Konflikt entwickelt, den es immer schon gab: Die Produktion geistiger Güter steht in einem Spannungsverhältnis zu deren Verwertung und der berechtigten Forderung der Öffentlichkeit nach Übergang dieser Güter in den Bereich der public domain.

          Alle kommen zu ihrem Recht

          Das geltende Recht, Ausdruck eines vernünftigen Kompromisses, schlichtet diesen Konflikt. Der Staat schützt die produktiv Tätigen vor willkürlichem Zugriff der Verwerter und räumt ihnen, auch um die Kreativität und Inno-vation zu ermutigen und zu stimulieren, weitreichende Rechte ein. Sie haben das Verfügungsrecht über, aber auch die Verantwortung für ihre Werke.

          Nach einem bestimmten Zeitraum werden die Werke der Urheber gemeinfrei, in Deutschland geschieht das siebzig Jahre nach dem Tod des Autors, Komponisten oder Künstlers. Die Gesellschaft kommt auf diese Weise ebenfalls zu ihrem Recht. Sie muss sich allerdings gedulden. Produktion und Gemeinfreiheit zu nahe aneinander zu rücken, würde zum Zusammenbruch der Produktion führen.

          Zur Souveränität des Urhebers gehört das essentielle Recht, über Zeit und Ort einer Publikation bestimmen zu können. Der einschlägige Paragraph des Urheberrechts sagt: „Der Urheber hat das Recht zu bestimmen, ob und wie sein Werk zu veröffentlichen ist.“

          Das ist nicht schwer zu verstehen, und man kann sich nur wundern, wie der Gedanke populär werden konnte, dass man sich um die Geltung dieses Satzes nicht weiter kümmern müsse und urheberrechtlich geschützte Werke in einer Form publiziert werden, die der Autor nicht wünscht. Die Missachtung ist ein Rechtsbruch, und der Staat hat zu gewährleisten, dass dieser Rechtsbruch geahndet wird. Das Sichern dieser Rechtslage sichert einen zentralen Freiheitsraum freier Gesellschaften.

          Entkoppelung der Erkenntnissuche von ökonomischen Interessen

          Jeder Angriff auf die Publikationsfreiheit ist ein Angriff auf den Kern des Urheberrechts. Soweit davon aber mittelbar auch die vom Grundgesetz geschützte Freiheit von Kunst, Forschung und Lehre betroffen ist, sind Anschläge auf die Publikationsfreiheit auch Attacken auf das Grundgesetz und ein Fall für das Verfassungsgericht.

          Eine Forschung etwa, der man diktieren könnte, wo ihre Ergebnisse publiziert werden sollen, ist nicht mehr frei. Die Bezahlung von Wissenschaftlern durch den Staat dient der Ermöglichung allein auf die Sache bezogener und nicht extern gelenkter Erkenntnissuche (weil das auch im Interesse jedes wohlgeordneten Gemeinwesens liegt). Sie kann weder einer Ideologie noch ökonomischen Interessen, noch einem „Geschäftsmodell“ oder Bemühungen um den Ausgleich von Budgetproblemen unterworfen sein.

          Es sind die Erfahrungen aus der Zeit zwischen 1933 und 1945 mit ihrer Entkoppelung der Wissenschaft von autonomer Forschung, die diesen Passagen des Grundgesetzes ihre historische Tiefendimension verleihen.

          Der Urheber hat die Entscheidungsfreiheit

          Wenn nun ein Wissenschaftler (wie etwa in den Naturwissenschaften) primär an Geschwindigkeit der Publikation interessiert ist, wird er vielleicht eine andere Publikationsweise bevorzugen als ein Wissenschaftler, der eine zwölfhundertseitige Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts schreibt. Ob Nachhaltigkeit und dauerhafte Sicherung, Schnelligkeit oder anderes, jeder hat Gründe für seine Entscheidungen.

          Niemand kann ihm nach geltender Rechtslage diesbezüglich Vorschriften machen. Niemand kann ihm vorschreiben, in welchem Kontext sein Werk erscheint - oder gar diesen Kontext durch das unerlaubte Hochladen einer Arbeit auf irgendeinen Server bestimmen. Dasselbe gilt für jede andere Produktion eines Werks, sei dies eine Fotografie, ein Musikstück, ein Roman oder eine Studie über die Verssprache Walthers von der Vogelweide.

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