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Unter Pamphletpiraten : Verkauft Euch!

Der Wutbürger braucht Ruhe und Abkühlung. Wo findet er sie leichter als im eigenen Garten? Bild: plainpicture/Johner

Vorsicht vor den Meistern der Aufblasekunst: Silke Burmester verspricht die Gemüter abzukühlen, die Stéphane Hessels verkaufsträchtige Empörungsschrift erhitzt hat.

          Meine Sorgen möchte ich haben! So lautet Alfred Polgars elegante Variation eines öfter wohl noch gedachten als wirklich ausgestoßenen Seufzers. Sie zielt auf den Umstand, über die gern mitgeteilten Sorgen der anderen zu den seinen gar nicht zu kommen. Solche Ablenkung hat auch Silke Burmester im Visier. Bei ihr sind es aber nicht einfach die anderen, die uns ablenken, sondern: die Medien. Sie nämlich sollen es sein, die „Wirrnis schaffen, Verunsicherung, Panik, Hysterie und Angst“.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          So steht es in einem heute bei Kiepenheuer & Witsch erscheinenden schmalen Heftchen. Eines von jenen, die es zum Stapel neben der Kasse in Bahnhofsbuchhandlungen bringen wollen. In diesem Fall mit dem Titel „Beruhigt Euch!“, der gleich an ein anderes Heftchen erinnert, mit dem Titel „Empört Euch!“, dessen Auflage in die Hunderttausende ging. Wenn sich die Leute gern empören, wofür die Verkaufszahlen für Stéphane Hessels bei Ullstein erschienenem Traktat zu sprechen scheinen, dann sollte doch auch ein Sedativ im gleichen Format, Umfang und Titeltypographie eingeschlossen, seine reellen Aussichten haben.

          Wer sich selbst genug ist, hat kaum Sorgen

          Also legt sich die Hamburger Journalistin Silke Burmester ins Zeug. Und weil es im kleinen Format um das große Publikum geht, heißt das vor allem: Halte die Botschaft einfach! Die Leute wollen Orientierung, sie sollen sie bekommen. In wenigen Maximen, die zu wiederholen dann nicht schaden kann. Dazu muss auch auf schmalstem Raum Platz sein. Genaugenommen ist es sogar nur eine Maxime, die da lautet: Besorgen Sie den Kram, der sie ohnehin notgedrungen beschäftigt und in dem das Menschliche nun einmal aufgeht, und lassen Sie sich nicht von Journalisten davon abringen. Denn diese „Meister der Aufblasekunst“ haben doch nur eins im Sinn: Ihnen irgendwelche Beunruhigungen, Ängste und vermeintliche Pflichten einzuimpfen. Damit Lärm in der Welt sei und Auflagen, Klickzahlen und Umsätze nicht stagnieren.

          Angesichts der Grundsätzlichkeit dieser Ermahnung, sind die konkreten Themen, deren mediale Übersteigerung aufgespießt wird, nicht mehr wirklich von großer Bedeutung. Es können die Aschewolke eines ausbrechenden Vulkans sein, die Pflichtenhefte von Frauenzeitschriften oder Männermagazinen, der Hype um Apple, das Winken mit dem Leichentuch in Sachen Schweinegrippe oder irgendwelcher anderer Dann-doch-nicht-Pandemien, und der in Aussicht gestellten baldige Sturz in den Abgrund der Finanzkrise obendrein. Die applizierte Moral ist immer dieselbe: Halten Sie den Ball flach, sparen Sie Energien für die eigenen Sorgen, die großen und die kleinen.

          Ein alte Formel dafür lautete: Vergesst die umtriebige Welt, pflegt Euren eigenen Garten. In Zeiten der einschlägigen Begeisterung für das private Grün möchte man ihr eigentlich neue Chancen einräumen. Aber die Verfasserin unseres Heftchens ist wohl mit gutem Grund vorsichtig. Einen Garten oder auch nur einen Balkon hat nicht jeder, und die Botschaft soll alle erreichen. Raffinesse ist da überdies prinzipiell von Schaden, es braucht die einfache Fügung, die noch Leser der „Bild“-Zeitung problemlos akzeptieren. Auch und vielleicht sogar gerade sie haben schließlich Anspruch auf die Befreiung aus den Banden der Journaille.

          Im Fahrwasser sicheren Erfolgs

          Man steht ein wenig gerührt vor dem Appell. Sollte die Autorin wirklich kein Gedanke daran gestreift haben, wie beruhigend der Schritt über die eigenen Sorgen hinaus ist? Selbst oder weil dort mit dem Frisson der Warnungen und Ängste operiert wird. Und wie fatal es anmutet - Alfred Polgars hübsche Wendung spielt mit diesem Widerhaken -, bei den eigenen Besorgungen hängen zu bleiben? Und dass das beunruhigende Ausrufezeichen in ihrem Titel gleich zu denken gibt?

          Aber vermutlich ist ohnehin die Verpackung in diesem Fall interessanter als der Inhalt der gerade einmal zweiunddreißig Seiten. Das Andocken an Erfolgstitel ist zwar alte verlegerische Schule, erhält hier jedoch eine neuen Dreh. Denn am Inhalt orientiert man sich gar nicht mehr - das Heftchen ist durchaus kein Anti-Hessel -, sondern setzt bloß noch auf den Kontrasttitel in gleicher Aufmachung. Bei einem Preis von 3,99 Euro, so dürfte die Überlegung gehen, sollte das reichen.

          Der Titel ist dafür nicht schlecht gewählt, zumal einem gleich die „Wutbürger“ in den Sinn kommen, die man hoffentlich noch einmal zu Ehren des Unworts des Jahres wird aufsteigen sehen. Aber wir haben einen Titel in petto, der das Projekt doch noch besser auf den Punkt bringt und kaum zu überbieten sein dürfte. Er lautet: „Verkauft euch!“ Wir sparen uns eine Erläuterung seines abgründigen Sinns, weisen nur noch darauf hin, dass mit solch zweischneidiger Selbstreferentialität sogar mühelos der Bogen zu verteufelt kritischen und in Katalogform eher teuer dokumentierten Kunstaktionen geschlagen ist. Boulevard und Avantgarde wären dann endlich versöhnt; und der Preisvorteil bei 3,99 wird sich gut ausnehmen.

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