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Unsere Romanhelden : Philine

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Bild: Insel Verlag

Mit ihrer Erfindung hat Goethe sich die Erfüllung eines männlichen Traums gestattet. Und jeder Leser wird bei der Lektüre von „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ seine eigene Philine vor Augen sehen.

          Es gibt die Romanfiguren, die man bewundert und liebt, weil sie das Bild eines wirklichen Menschen bewahren: Ja, so war er, so muss er wirklich gewesen sein. Und dann gibt es die Figuren, die man liebt, weil es sie nie und nimmer geben kann, weil sie im Roman aber so erscheinen, als seien solche gelungenen, vollständigen, schönen, klugen, liebevollen Menschen ohne Arg und Falsch eben doch möglich, als könne man ihnen eben doch eines Tages begegnen, weil man ihnen im Roman gerade so glaubwürdig begegnet ist. Eine solche Romanfigur ist für mich die Philine aus „Wilhelm Meisters Lehrjahren“.

          Mit ihrer Erfindung hat Goethe sich die Erfüllung eines männlichen Traums gestattet: die alles gewährende, nichts fordernde, die niemals trist spintisierende, immer in tänzerischer Bewegung befindliche, jedes Männerleben wenn nicht mit Glück, so doch mit Freude erfüllende Schauspielerin und Sängerin, das leichte Mädchen - ja, Philine ist wahrhaft federleicht, schwerelos! -, das die Männer, dieses schwerfällige, anmutlose, wichtigtuerische Geschlecht, unbegreiflicherweise liebt, jeden bezaubert und keinen betrügt, wenn sie wieder davonfliegt, denn für so hässliche und egoistische Regungen wie die Eifersucht und das Besitzenwollen ist in ihrer Gegenwart kein Raum: Jeder, dem sie sich zugewandt hat, hat mehr erhalten, als er je verdiente.

          „Und wenn ich dich liebhabe, was geht’s dich an“

          Es gehört zu Goethes Erzählstil, seine Figuren nicht ausführlich zu beschreiben, kleine Reizwörter treten an die Stelle präziser Eigenschaften, der Dichter ist kein Steckbriefverfasser und erst recht kein Fotograf. Die Verszeilen aus dem „West-östlichen Diwan“ „Wimpernpfeile, Lockenschlangen / Hals und Busen reizumhangen“, die mehr die Wirkung auf den Betrachter als die Erscheinung angeben, könnten auch auf Philine bezogen sein. Die schnell Bewegliche lässt sich nicht in scharfe Konturen fassen, jeder Leser - jeder lesende Mann jedenfalls - wird seine eigene Philine vor Augen sehen.

          Der Typus der „heiligen Hure“ wird im neunzehnten Jahrhundert noch eine große Karriere vor sich haben und seine Hochform in der Sonja aus Dostojewskis „Verbrechen und Strafe“ erreichen. Wie weit ist Philine von dem religiösen Sentiment der Sonja entfernt! Und doch hat auch an ihr die Religion ihren gewichtigen Anteil, allerdings in ihrer häretischen Ausprägung. Goethe stand lange unter dem Eindruck von Spinoza, der forderte, man müsse Gott lieben, als würde man von ihm nicht wiedergeliebt. Dem lag die Vorstellung eines Gottes zugrunde, der nicht Person ist, auf persönliche Weise also gar nicht lieben kann. Wie anders klingt Philines Zauberwort, ins Verhältnis von Mann und Frau übertragen: „Und wenn ich dich liebhabe, was geht’s dich an.“ In Nichts löst sich die Atmosphäre der Liebeserpressung auf - man kann nicht anders, als Philine heftig wiederzulieben.

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