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Unsere Romanhelden : Malte Laurids Brigge

  • -Aktualisiert am

Für Rilkes Malte ein „schönes Gegengewicht der Welt“: die historische Republik Venedig mit ihren Gondeln voll „lohnender Ohnmacht“: hier in einer Vedute von Canaletto aus dem Zwinger in Dresden Bild: Estel/Klut/Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Mit Malte Laurids Brigge aus Rilkes einzigem Roman schleicht sich die Identitätskrise in die Literatur - doch zugleich keimt in ihm frühes modernes Selbstbewusstsein.

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          Helden im Zeitalter der literarischen Moderne traten gern als Analytiker der eigenen Psyche und jener ihrer Zeit in Erscheinung; so auch der Protagonist in Rainer Maria Rilkes einzigem Roman, „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, der 1910 erschien. Sie spielen im Gefängnis seiner Erfahrungen, Erinnerungen, Ängste. Malte ist Malte, und er ist es wiederum nicht.

          Zuweilen lese ich denn auch Rilkes Roman, der das Anfangskapitel modernen Erzählens im Deutschen ist, als Vorläufer von Max Frischs Roman „Stiller“ und dessen „Aufzeichnungen im Gefängnis“, die damit beginnen, dass das Ich, welches nicht Stiller ist oder zu sein scheint, „jede weitere Aussage“ verweigert, wenn ihm kein Whisky zur Verfügung stünde. Rilkes Malte kennt die Aromen des Whiskys nicht, dafür den Geruch von Jodoform, Pommes frites und Angst. Malte schläft bei offenem Fenster, lässt die Geräusche der modernen Großstadt in sein Zimmer und fürchtet sich vor den traumatischen Bildern aus der eigenen Kindheit. Malte, ein junger Däne in Paris, beschrieben von einem deutschsprachigen Dichter aus Prag, der Rodins Sekretär war - Europäer unter sich.

          Der Glaube an das Prinzip der Möglichkeit

          Alles Erfahrene und Erinnerte geht durch Malte hindurch. Er sagt von sich: „Ich bin der Eindruck, der sich verwandeln wird.“ Wohl fühlt er sich unter Lesenden, in der Bibliothèque Nationale etwa, wo er auf die „Zeit der anderen Auslegung“ wartet, von der er weiß, dass dann „kein Wort auf dem anderen bleiben“ und „jeder Sinn wie Wolken sich auflösen und wie Wasser niedergehen“ werde. Das Ich Maltes ist der Seismograph seiner Zeit, empfindsam, narzisstisch.

          Liebe ist für ihn etwas Metaphysisches; er liebt die erlesene Erinnerung an die „großen Liebenden“, Sappho, Gaspara Stampa, vor allem die singende Abelone, die ihn so unvergleichlich „angeschaut“ hatte. Malte fühlte dabei, wie er zu ihrer Anschauung wurde. Überhaupt sieht sich Malte dazu auserkoren, das „Äußerste“ zu erfahren, etwa das „Aroma“ einer Staatsutopie namens Venedig. Aus seiner Pariser Perspektive bezeichnet Malte die Serenissima mit ihren Gondeln voll „lohnender Ohnmacht“ als einen „suggestiven Staat, der das Salz und Glas seiner Armut austauschte gegen die Schätze der Völker“, als „schönes Gegengewicht der Welt“.

          Woran dieser das Heldenhafte verweigernde Held der Moderne glaubt? An das Prinzip der Möglichkeit, zu dem gehört, dass wir uns alle mit falschem Bewusstsein erinnern könnten - auch an uns selbst -, nicht willens freilich, uns dies einzugestehen.

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