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Unsere Romanhelden : Heinz Strunk

  • -Aktualisiert am

Im Jahr 2004 erschien sein Buch „Fleisch ist mein Gemüse“: Heinz Strunk (Mathias Halfpape) Bild: Julia Zimmermann

Mit „Fleisch ist mein Gemüse“ hat Heinz Strunk mehr als nur ein neues Genre geschaffen. Er verschnürt das Leid des musikalischen Berufsunterhalters mit Humor und Menschlichkeit.

          2 Min.

          Genaugenommen ist es gar kein Roman; „Fleisch ist mein Gemüse“, Heinz Strunks erstes Buch, ist laut Untertitel „eine Landjugend mit Musik“. Ein solches Genre gab es bis dahin nicht, Heinz Strunk hat es erfunden, wie er sich selbst (als Person), sich als Autor und seinen Helden erfunden hat. Nicht nur in Amateurmusikerkreisen, in denen das Lebensgefühl Zukurzgekommener verbreitet und dabei Hemmnis wie Triebfeder zugleich ist, sieht man in ihm seit diesem überragenden Erfolg so etwas wie die Dreifaltigkeit der neueren, mit Leiden und Hochkomik aufwartenden Literatur.

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

          Erzähltechnisch ist die Sache vertrackter, als es bei einem so eingängigen Buch scheinen mag: Heinz Strunk, hinter dem sich ja noch der vor fünfzig Jahren in Hamburg geborene Mathias Halfpape verbirgt, ist der (literarische) Vater seiner eigenen Figur und zugleich diese selbst; und dieser Heinz Strunk nimmt die Sünden der Land-Leute, die er mit seiner vorzugsweise auf Silberhochzeiten und Schützenfesten zum Einsatz kommenden Tanzcombo beschallt, auf sich, indem er ihrer Dickfelligkeit und Bräsigkeit, ihrer Vitalität und ihrem kompletten Unverständnis gegenüber allem Abweichenden, Künstlerisch-Sensiblen zwangsläufig und bis zur Verzweiflung ausgesetzt ist.

          Am besten gleich zweimal hintereinander lesen

          So handelt diese Geschichte in einem auch soziologisch hoch aufschlussreichen Sinne davon, dass man seiner Umgebung und Prägung nicht entfliehen kann. Es wäre allerdings ein Missverständnis anzunehmen, Heinz Strunk wollte sich, als Autor wie als Figur, über diese in der Tat recht einfachen Leute und deren in ihrer Schlichtheit bisweilen frappierende Amüsier- und Zerstreuungsbedürfnisse erheben. Denn der in seiner noblen, fast an Matthias Claudius erinnernden Milde und Humanität ein letztes Mal erschütternde Epilog hält fest: „Und bestimmt, da bin ich mir sicher, erinnert sich das eine oder andere Ehepaar am Hochzeitstag regelmäßig und wohlwollend an die fleißigen fünf Männer mit den beiden verschiedenen Garderoben, die den schönsten Tag im Leben erst so richtig zu einem Erlebnis werden ließen.“ Hat man je so etwas Menschenfreundliches gehört?

          Es wäre deswegen verfehlt, Heinz Strunk dem Comedian-Lager zuzurechnen; eine größere Ferne ist fast nicht denkbar. Mit schlackenloser Prosa verbreitet er in der wahrhaftigen und nie karikierenden Ausmalung einer so kraft- wie hoffnungslosen Provinzexistenz Furcht und Mitleid – ein dramatischer Klassiker. „Vorsorglich nahm ich die doppelte Menge“, berichtet Heinz Strunk von dem Versuch, seiner abgrundtief schlechten Stimmung mit Antidepressiva aufzuhelfen. Der Leser sollte auch so deftig zulangen und Heinz Strunks Geschichte am besten gleich zweimal hintereinander lesen. Wie sagt man in Hamburg? Nich’ lang schnacken, Kopp in’ Nacken. Es wartet dann auch eine schöne Katharsis.

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