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Unsere Romanhelden : Fischerle

Bild: S. Fischer

Er ist nur eine Nebenfigur, im mittleren der drei Teile von Elias Canettis einzigem Roman „Die Blendung“. Doch in Fischerle steckt mehr Welt als in jeder anderen Figur dieses großen Autors.

          Elias Canetti hat mit „Die Blendung“ ein Buch wie kein zweites geschrieben, und es ist wenig verwunderlich, dass er in den sechzig Jahren Lebenszeit, die ihm danach noch blieben, keinen weiteren Roman mehr zustande gebracht hat. Wer könnte den weltfremden Sinologen Peter Kien je vergessen, wer dessen grässliche Haushälterin Therese Krumbholz? Doch meine liebste Figur tritt nur im mittleren der drei Teile der „Blendung“ auf, in jenem Teil, der so betitelt ist, wie Canetti diese Figur beim ersten Auftritt beschreibt: „Kopflose Welt“. Da heißt es: „Keine Stirn, keine Ohren, kein Hals, kein Rumpf - dieser Mensch bestand aus einem Buckel, einer mächtigen Nase und zwei schwarzen, ruhigen, traurigen Augen.“ Es ist ein Freak, ein missgebildeter Zwerg, den Peter Kien in einer Wiener Halbweltkneipe trifft, es ist ein Zuhälter, ein Betrüger und zugleich ein Mann mit einem Traum: Er will Schachweltmeister werden. Es ist ein Jude mit dem Namen Siegfried Fischer. In seinen Kreisen verniedlicht man ihm zum „Fischerle“, aber er fügt seinem Namen auch gern einen Doktortitel hinzu.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          In keiner anderen Figur von Canetti steckt so viel Welt. Fritz Wotruba, der Wiener Bildhauer und Freund des Autors, liebte Fischerle wegen dessen Getriebenheit und Erfolgshunger. Fischerle ist ein verhinderter Künstler, der sich stattdessen als Krimineller entfaltet. Und als Kapitalist, der ad hoc eine kleine Firma auf die Beine stellt, die dann vier Komplizen beschäftigt, um den gutmütigen Kien nach Strich und Faden auszunehmen. Hier erweist sich Fischerle als selbstherrlicher Selfmademan, der eben nur aus sich selbst etwas macht. Im entsprechend arroganten Umgang mit einem der Kumpane wird sich schließlich sein grausiges Schicksal erfüllen.

          Aber Canetti liebt diesen gnomenhaften jüdischen Hochstapler - es steckt mehr vom Autor in dieser Figur als in allen anderen des Werks. Fischerle ist auch die stärkste Stimme, die Canetti zum Sprechen bringt, obwohl der Schriftsteller selbst seine Theaterstücke diesbezüglich für überlegen hielt. Aber aus Fischerles Mund spricht die Wiener Unterwelt mit tausend Zungen. Später, nach der Schoa, bereitete Canetti sein Spiel mit antisemitischen Klischees Unbehagen, doch dann erinnerte er sich an ein Gespräch mit dem jüdischen Dichter Abraham Sonne, kurz nach Erscheinen der „Blendung“. Der hatte, wie Canetti in seiner Autobiographie erzählt, ihm damals zu Fischerle gesagt, „wenn die Katastrophe vorüber sei, würden alle Etiketten dieser Art von der Figur abfallen, und sie würden dastehen als das, was zur Katastrophe geführt hat“. Das war 1936. In Siegfried Fischer ist die Erinnerung aufgehoben an Menschen, die nicht besser und nicht schlechter waren als andere. Sie wollten leben. Und wurden ermordet.

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