https://www.faz.net/-gr0-6zyr6

Unsere Romanhelden : Félicité

  • -Aktualisiert am

Félicité und ihr Papagei auf dem Umschlag einer Erzählungssammlung Flauberts im Verlag Haffmans Bild: Haffmans

Nach und nach verschwindet aus ihrem Leben, woran ihr Herz hängt. Doch Félicité, die Magd aus Flauberts Novelle „Ein einfaches Herz“, revoltiert. Mit Hilfe eines Tierpräparators.

          1 Min.

          Man könnte diese Novelle von Flaubert rasch zusammenfassen und es bei der Traurigkeit belassen, in die das Leben der Magd Félicité den Leser einsinken lässt. „Un cœur simple“, zu Deutsch „Ein schlichtes Herz“, gehört thematisch zu den letzten Ausläufern der Gattung der Physiologien, die seit der Juli-Monarchie in Mode gekommen waren. Es sind Texte, die ohne jede Ablenkung einen Stand, einen Charakterzug abbilden. Flauberts Hauptperson wird als Opfer ihres demütigen Herzens eingeführt. Die Art und Weise, mit der sie sich, nach all dem Unglück, dem Glück der Witwe Aubain und deren zwei Kinder aufopfert, ihnen das Leben rettet, macht aus Félicité im Laufe der Jahre ein Objekt. Ihre Ehrlichkeit und Verantwortung um den Haushalt und das Wohlergehen der anderen saugen sie derart auf, dass sie zu einem Teil des Mobiliars wird, über das sie gebietet.

          Nach und nach verschwindet alles aus ihrem Leben, ihr Neffe Oscar stirbt in Havanna an Gelbfieber, und der prächtige Papagei, den ihr die Herrin als Geschenk überlassen hatte, liegt eines Tages verendet im Käfig. Hier setzt die Revolte ein. Félicité nimmt es nicht hin, lässt Loulou von einem Tierpräparator in ihr emotionales Leben zurückholen. Der ausgestopfte Vogel wird wichtiger als alles, was aus früherer Zeit irgendwie überlebt. Mit dieser Transsubstantiation beginnt der unverwechselbare Bruch, den der Stil Flauberts stets zustande bringt. Die Realität verschwindet hinter der Adoration von Illusionen und Fetischen. Auf dieselbe Weise rannte Emma Bovary ins Unglück.

          Verschwindende Schranken

          Es ist verwirrend, wie im Kopf der Magd eine Legierung aus echt und unecht zustande kommt, wie sich ein religiöses Motiv - Taube des Heiligen Geistes - mit der Auferstehung eines Vogels durch einen Taxidermisten paart. Man wollte sagen, für Félicité ist allein das Tote gewiss. Die Novelle wendet sich der verlassenen Frau mit unendlich feiner Humanität zu. Sie bringt die Schranken zwischen den Ständen zum Verschwinden.

          Félicité gewinnt eine Größe, die den Leser erschreckt und in seiner Verachtung für Nebenfiguren schamrot werden lässt. Flaubert hat durch den Transfer von Psychologie in eine akribische Beschreibung der Dinge den modernen Roman und den Überdruss an auktorialer Rechthaberei in Gang gebracht. So besehen, ist es mehr als ein Zufall, dass ein weiterer eminenter Verächter von Gewissheiten, Marcel Duchamp, in derselben Stadt, Rouen, geboren wurde. Der naturalisierte Papagei passt in die Reihe der Readymades, mit denen dieser andere Verneiner jeder selbstbewussten Geste im Atelier den Kragen umgedreht hat.

          Weitere Themen

          Elegie des  Wiedersehens

          „Die schönsten Jahre“ im Kino : Elegie des Wiedersehens

          Claude Lelouch bringt Jean-Louis Trintignant und Anouk Aimée vor der Kamera wieder zusammen. „Die schönsten Jahre eines Lebens“ erzählt von einer Begegnung zwischen gealterten Liebenden nach mehr als fünfzig Jahren.

          „Married“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Married“

          Die Serie „Married“ läuft beim Pay-TV-Sender ProSieben Fun.

          Topmeldungen

          Er will gehen: Commerzbank-Chef Martin Zielke

          Auch Aufsichtsratschef geht : Commerzbank-Chef Zielke vor Rücktritt

          Paukenschlag bei der Commerzbank: Konzernchef Martin Zielke und Aufsichtsratschef Stefan Schmittmann wollen überraschend ihre Posten räumen. Auch Kürzungen im Auslandsgeschäft werden diskutiert. Zuletzt hatte es Streit um die Sparpläne gegeben.
          In seinen seltenen Interviews gab sich der ehemalige Wirecard-Chef analytisch und sachorientiert.

          Wirecard-Skandal : Der Unsichtbarmacher

          Markus Braun war Mr. Wirecard und der reichste Dax-Chef. Nun ist er in einen beispiellosen Bilanzskandal verstrickt. Irgendwo zwischen der Utopie unsichtbaren Geldes und der Wirklichkeit unregelmäßiger Zahlen hat er sich verzettelt.

          Corona-Medikament für Europäer : Eine Zwangslizenz für Remdesivir?

          Die EU hat das erste Medikament gegen Covid-19 zugelassen – doch vorerst liefert der Hersteller Gilead nur nach Amerika. In Brüssel wird Druck aufgebaut: Notfalls könne man Remdesivir auch gegen den Willen von Gilead für Europa herstellen lassen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.