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Universität Eichstätt : 83 Tonnen Bücher als Müll

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Bereits 2002 musste festgestellt werden, dass große Mengen frühneuzeitlicher Drucke aus bayerischen Kapuzinerbibliotheken als angebliche „Dubletten“ im Antiquariatshandel auftauchten: Dazu gehörten auch Drucke des siebzehnten Jahrhunderts, die von der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel für die „Sammlung Deutscher Drucke“ erworben wurden. Angebote der Eichstätter Bibliothek an andere Altbestandsbibliotheken sind nicht bekannt; man setzte ausschließlich auf die Zusammenarbeit mit Antiquaren. Derzeit lassen sich außer im „Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher“ auch bei Ebay einige Titel aus bayerischen Kapuzinerbibliotheken nachweisen. Drucke aus der Zeit vor 1802 sind aber nach einer Vereinbarung als Eigentum des Freistaats Bayern anzusehen. Wenn ein in Wolfenbüttel gelandeter Salzburger Druck von 1695 einen Besitzvermerk der Burghausener Jesuiten von 1728 trägt, so legt das den Verdacht nah, dass die Kapuziner - oder die Eichstätter Bibliothek - auch aus der durch Verfügung von 1861 als „Staatsbibliothek“ unter Eigentumsvorbehalt übergebenen Jesuitenbibliothek „Dubletten“ verkauft haben. Die staatlichen bayerischen Aussonderungsrichtlinien sagen aber eindeutig, dass Aussonderungen von Altbestand aus der Zeit vor 1830/50 in der Regel nicht zulässig sind.

Der Hamburger evangelische Kirchenhistoriker Johann Anselm Steiger, der sich für die Erhaltung historischer Kirchenbibliotheken des Protestantismus engagiert, lässt in einem Kommentar zu den Eichstätter Vorgängen das Dubletten-Argument nicht gelten: „Das in diesem wie in ähnlich gelagerten Fällen apologetische Standard-Argument lautet, man habe nur Dubletten ausgesondert. Sollte sich der Verdacht erhärten, dass von der Vernichtung auch frühneuzeitliche Bestandssegmente betroffen sind, wofür manches spricht, wäre dies ein Skandal. Wann endlich dringt es ins Bewusstsein ein, dass es bezüglich der frühneuzeitlichen Drucke Dubletten nicht gibt, da Benutzungsspuren wie Besitzeinträge oder Notizen jedem Exemplar eine spezifische Charakteristik verleihen?“

Kleine Mosaiksteine zur geistigen Kultur gehen verloren

Auch wenn bei Kapuzinerbibliotheken die Fluktuation der Bücher außerordentlich hoch war, da diese häufig von Konvent zu Konvent wanderten, wäre es für vergleichende Forschungen trotzdem wichtig zu wissen, in welchem Konvent sich welche Werke befanden. Eine Dokumentation der Eichstätter Dublettenverkäufe, die diesem Gesichtspunkt Rechnung trüge, existiert nicht - ebenso wenig wie ein Verzeichnis der vernichteten Bücher. Ein bei Ebay eingestelltes Buch aus dem Kapuzinerkloster Burghausen wurde laut Besitzvermerk 1677 erworben, ein Jahr nach seinem Erscheinungsjahr. Der Autor, ein Jesuit, starb 1688 ebenfalls in Burghausen. Das Buch weist also einen gewissen lokalhistorischen Bezug auf. Durch Antiquariatsverkäufe gehen diese kleinen Mosaiksteine zur geistigen Kultur des frühneuzeitlichen Katholizismus verloren.

Es ist beunruhigend, dass in den kommenden Jahren mit der Auflösung von zahlreichen katholischen Ordensniederlassungen aus Personalmangel zu rechnen ist - und also mit der Freisetzung bisher gut betreuter Altbestände. Nicht immer wird eine erfreuliche Lösung wie bei der berühmten Dominikanerbibliothek in Walberberg gefunden werden, die in die Diözesanbibliothek Köln umzieht. Im Jahr 2005 bemühten sich die Universitätsbibliotheken in Köln und Bonn vergeblich um den kostbaren Altbestand der Redemptoristenhochschule im Kloster Geistingen. Die alten Drucke wurden von der Ordensleitung einem Antiquar verkauft.

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