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Horváth-Entdeckung : 95 Seiten, die noch niemand las

Der Dramatiker Ödön von Horváth (1901 bis 1938) als Abiturient, um 1919 Bild: Literaturarchiv ONB

Ödön von Horváth, einer der meistgespielten Dramatiker des zwanzigsten Jahrhunderts, hat 1924 ein Stück geschrieben, das nie publiziert und nie aufgeführt wurde. Jetzt wurde das Typoskript der unbekannten Tragödie versteigert.

          Die Spur reicht zurück bis in die Mitte der neunziger Jahre. Damals tauchte das unscheinbare Typoskript bei einem Auktionshaus in Pforzheim auf. Der Preis war gering, es gab nur einen einzigen Bieter. Niemand außer ihm schien bemerkt zu haben, dass es sich bei dem Typoskript um ein unbekanntes Stück des Dramatikers Ödön von Horváth handelte. Niemand kannte den Inhalt dieses Stücks, niemand wusste von seiner Existenz, und bis heute vermag niemand, zu sagen, warum ein vollständig erhaltenes Theaterstück eines der meistgespielten Dramatiker des zwanzigsten Jahrhunderts nie publiziert, nie aufgeführt wurde und vollkommen in Vergessenheit geriet. Nichts wissen wir über die näheren Umstände der Entstehung, nichts über die Pläne und Absichten, die Ödön von Horváth und sein Verlag verfolgten. Nahezu alles, was mit diesem Stück zusammenhängt, muss uns rätselhaft erscheinen. Angefangen mit dem Titel des Dramas. Er lautet: „Niemand“.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Jetzt hat sich der Besitzer, ein Privatmann, entschlossen, das Typoskript zu verkaufen. Im Katalog zur Autographen-Auktion des Auktionshauses J. A. Stargardt, die heute und morgen in Berlin stattfindet, ist das Drama unter der Losnummer 133 aufgeführt: „Ein unbekanntes Horváth-Stück“. Es handelt sich um 95 maschinenbeschriebene Seiten, die hektographiert, gelocht und geklammert wurden und in einem Originalumschlag liegen. Das Titelblatt (siehe unsere Abbildung) weist neben dem Stücktitel „Niemand“ und dem Untertitel „Tragödie in sieben Bildern“ den Autorennamen „Oedön von Horváth“ sowie einen Copyrightvermerk auf. Er lautet auf das Jahr 1924 und auf den Verlag „Die Schmiede“, Berlin W. 35, Magdeburger Straße 7.

          „Über den Inhalt dieses Stücks wissen wir praktisch nichts“, heißt es in Wien, dem Zentrum der Horváth-Forschung. Titelblatt des Typoskripts

          Franz Kafkas „Ein Hungerkünstler“ ist hier erstmals erschienen, Joseph Roth, Alfred Döblin und Rudolf Leonhard publizierten in diesem Verlag, und der Illustrator Georg Salter, der nur wenig später mit dem Umschlag zu Döblins 1929 bei S. Fischer erschienenem Roman „Berlin Alexanderplatz“ weltberühmt werden sollte, gestaltete viele der Bücher, die in der „Schmiede“ erschienen. Der junge Horváth, damals gerade einmal 23 Jahre alt und noch weitgehend unbekannt, hatte sich also ein durchaus respektables Haus für seine Veröffentlichung ausgesucht. So sollte man meinen - allerdings nur auf den ersten Blick.

          Nur Horváths Bruder erinnerte sich

          Gegründet wurde der Verlag 1921 von Julius Salter und Fritz Wurm, anderen Angabe zufolge fand die Verlagsgründung jedoch erst 1924 statt. Tatsächlich wurde der Verlag zweimal gegründet: zunächst 1921 als GmbH, dann, nachdem Zahlungsschwierigkeiten aufgetreten waren, erfolgte 1924 die Neugründung als Aktiengesellschaft. So schlau war man damals also auch schon. Vier Jahre später waren Salter und Wurm dann endgültig zahlungsunfähig, es folgten etliche Prozesse, in denen es um unbezahlte Rechnungen und einbehaltene Autorenhonorare ging. Kurt Tucholsky schrieb damals: „Dieser Verlag hat dem Schutzverband Deutscher Schriftsteller mehr Arbeit gemacht als acht große Verlage zusammen.“ In einem langen, wütenden Artikel, der im August 1929 in der „Weltbühne“ erschien, rechnete Tucholsky gnadenlos mit den beiden Verlegern ab, die er als skrupellose Geschäftemacher darstellte.

          Er begrüßte nicht nur ihre Insolvenz - „Friede ihrer Pleite“ -, sondern warnte alle Autoren eindringlich davor, ihresgleichen jemals wieder ein Manuskript anzuvertrauen: „Aus irgendeinem Grunde ist der Kommissionär von Künstlern häufig nicht ganz stubenrein, und da gibt es alle Arten. Am verächtlichsten erscheint mir die neuberliner Nummer: dieser ,fixe‘ Junge, der in Wahrheit faul ist und nachlässig; ein Yankee aus Posen oder Prag - mit den Händen in dreizehn Geschäften zugleich, maßlos überlastet, überdreht, nichts macht er zu Ende, aber er ist allemal dabei. Wurm und Salter waren Vertreter dieser Spezies; (...) Man sollte diese Leute mit Peitschenhieben verjagen, wo immer man sie trifft.“

          Wann genau Horváth sein Stück bei dem Verlag einreichte, ist nicht bekannt, das Typoskript ist undatiert, aber es scheint immerhin möglich, dass die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der „Schmiede“ und die damit verbundene Neugründung etwas mit dem rätselhaften Schicksal des Dramas zu tun haben könnten. Auch Beinahe-Pleiten können Kollateralschäden verursachen. Wo das Originalmanuskript verblieben ist, warum keinerlei Hinweise auf das Stück existieren, etwa in Notizen oder Briefen Horváths - diese Fragen bleiben weiterhin unbeantwortet. In Traugott Krischkes 1980 erschienener Horváth-Biographie „Ein Kind seiner Zeit“ findet sich zumindest ein vager Hinweis: Lajos von Horváth, Ödöns zwei Jahre jüngerer Bruder, so schreibt Krischke, „konnte sich noch Jahrzehnte später an ein in expressionistischer Manier geschriebenes Stück ,in einem blauen Umschlag‘ mit dem Titel ,Niemand‘ erinnern“.

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