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Umberto Eco : Allein unter Büchern

  • -Aktualisiert am

Herr der Bücher: Umberto Eco Bild: EFE

Einst war dieses Haus ein Liebeshotel, heute stehen hier 30.000 Bücher. Ein Besuch in der Welt des Schriftstellers Umberto Eco, der nun seine persönliche „Geschichte der Schönheit“ verfaßt hat.

          Was für ein Glanz auf den Straßen Mailands in diesem blauleuchtenden, späten Sommer. Was für schöne Menschen. Was für ein Stolz.

          Die Frauen schweben federleichten Schritts mit großen, weißen Taschen aus den Modegeschäften der Via Dante, tragen große, schwarze Brillen und sind durch nichts zu erschüttern. Sie wissen: Wir werden immer schön sein. Wunderschön. Ein Leben lang.

          Und hier wohnt der alte Mann, der gerade ein Buch unter dem Titel "Die Geschichte der Schönheit" veröffentlicht hat. Der Mann der tausend Bücher, einer der letzten Universalgelehrten der Welt, berühmter Bestsellerautor, dessen erstes Buch, "Der Name der Rose", weltweit über 25 Millionen Mal verkauft wurde. Professor der Semiotik in Bologna. Kämpfer gegen den Wahnsinn der politischen Welt in zahlreichen Kolumnen. Hier wohnt Umberto Eco.

          „Ich höre gern nicht zu”

          Ein Haus wie eine Festung

          Auf dem goldenen Namensschild an der Tür steht der Name seiner deutschen Frau Renate, mit der er seit vierzig Jahren verheiratet ist. Das Haus wirkt wie eine Festung. Es geht durch eine Glastür, dann eine schwere Holztür, dann kommt man auf einen marmornen Gang, an dessen Enden rechts und links jeweils Empfangstische stehen, mit großen Sträußen darauf, aber ohne Pförtner. Seine Frau begrüßt mich an der Wohnungstür herzlich auf deutsch, er kommt von hinten gleich dazu und fragt, statt zu grüßen: "What language?" Nachdem wir uns geeinigt haben, beim Englischen zu bleiben, möchte er wissen, ob dies ein Radio-Interview werde. Dann müsse er nämlich das Telefon ausstellen. Er kenne das schon. - Das Telefon kann anbleiben.

          Umberto Eco läßt sich zufrieden in einen tiefen, weißen, leinenüberzogenen Sessel fallen und erwartet die Fragen.

          Er wirkt müde. Und irgendwie verloren in diesem großen, weißen Empfangs- und Wohnzimmer. Hinter ihm, in einer gläsernen Vitrine, hat Umberto Eco Comicbücher seiner Jugend ausgestellt. Schräg neben ihm steht ein weißer Adonis mit einer welken, weißen Blume auf der Schulter. Auf dem Glastisch vor uns liegen bunte Bildbände. Obenauf liegt einer über "Arabische Einrichtungen" in deutscher Sprache.

          Es gibt nur einen Eco

          Dieser unfaßbare Fleiß in fast allen denkbaren Wissensgebieten, die kaum von einer Person allein bewältigt werden können; allein in diesem Herbst erscheint neben der umfangreichen "Geschichte der Schönheit" ein großer Roman. "Wie viele Umberto Ecos leben hier", frage ich. Er stockt, weicht aus, versteht nicht recht, sagt: "Nun, wir haben doch alle eine gespaltene Persönlichkeit. Aber Umberto Ecos gibt es hier nur einen. Mich. Ich bin ganz sicher."

          Dann reden wir über diesen Satz. Den letzten Satz aus seiner "Geschichte der Schönheit". Nach über 400 großformatigen Seiten mit Bildern von den Schönheitsidealen der Griechen bis heute steht da der Satz über die Gegenwart. Wenn ein Forscher der Zukunft das Schönheitsideal unserer Zeit erforschen würde, wird er "vor der Orgie der Toleranz, vor dem totalen Synkretismus, vor dem absoluten und unaufhaltsamen Polytheismus der Schönheit kapitulieren müssen".

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