https://www.faz.net/-gqz-70lwq

„Ulysses“ als Hörspiel : Wer hat Angst vor James Joyce?

James Joyce (1882-1941) Bild: Gisèle Freund

Am Freitag jährt sich der Tag, an dem James Joyce seinen Helden im „Ulysses“ durch Dublin ziehen ließ. Das größte Hörspiel-Wagnis aller Zeiten inszeniert den „Ulysses“ jetzt als Ereignis, das bleibt.

          Wer wandert, landet irgendwann in der Literatur. Das war schon immer so. Ob Odysseus, Sindbad, Parsifal, der Grüne Heinrich oder Wilhelm Meister - sie alle sind ständig auf Achse und kreuzen in ihren Romanen und Epen Raum und Zeit. Leopold Bloom, der Held des „Ulysses“ von James Joyce, marschiert zwar nicht mehr ein halbes Leben, sondern nur noch einen einzigen Tag, neunzehn Stunden sind es genau, und er kreuzt auch keine Ozeane, sondern nur eine Stadt, Dublin. Dennoch zählt er zu den großen Rastlosen der Literatur. Denn schließlich, und das ist das Irrwitzige am Roman „Ulysses“, der den homerischen Helden gleich im Titel führt: Erst die wild assoziierenden Gedanken des jüdischen Anzeigenaquisiteurs Bloom erweitern den räumlich und zeitlich so knappen Raum ins Unendliche.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Auch deshalb ist der „Ulysses“ wahrscheinlich das berühmteste ungelesene Buch der Welt. Dass so viele, auch furchtlose Leser vor dem 1922 in kleiner Auflage in Paris erschienenen Werk zurückschrecken, liegt indes nicht nur an den gut tausend sprachlich hochkomplex und experimentell angelegten Romanseiten, die weniger eine Handlung erzählen als einen riesigen Monolog zur Zeit darstellen. Der irische Schriftsteller war selbst daran beteiligt, der Erzählung den Ruf zu verpassen, schwer zugänglich zu sein: Er habe, schrieb Joyce einmal, so viele Rätsel und Geheimnisse in das Buch hineingesteckt, „dass es die Professoren jahrhundertelang in Streit darüber halten wird, was ich wohl gemeint habe“. Und: „Nur so sichert man sich seine Unsterblichkeit.“

          Die erste Hörspielbearbeitung

          Tatsächlich, die Menge der theoretischen Schriften zum „Ulysses“ lässt sich längst nicht mehr überblicken. Kaum ein Roman hat die Literaturwissenschaft so ausdauernd zu Deutung und Analyse herausgefordert. Für normale Leser folgt daraus allerdings nicht unbedingt gesteigertes Verständnis. Im Gegenteil verstellt der riesige Bücherberg, der um diesen Säulenheiligen der Avantgarde aufgeschichtet wurde, den Blick. Wer bislang die Lektüre gemieden hat, dem eröffnet sich aber dieser Tage eine zweite Chance. Man sollte sie ergreifen, denn es lohnt sich: Auch ich war inzwischen mit Leopold Bloom auf den Straßen von Dublin unterwegs - doch nicht mit dem Buch in der Hand, sondern mit Kopfhörern auf den Ohren.

          Der große Schweizer Joyce-Experte Fritz Senn rät schon seit je, sich den „Ulysses“ vorlesen zu lassen. Das hat der Südwestrundfunk beherzigt und ist sogar noch einen Schritt weitergegangen. In zweieinhalb Jahren mühevoller Arbeit und mit Hilfe der renommiertesten Schauspieler des Landes, darunter Manfred Zapatka, Dietmar Bär, Corinna Harfouch, Thomas Thieme, Birgit Minichmayr, Anna Thalbach, Josef Bierbichler und Ernst Stötzner, hat der Sender die erste Hörspielbearbeitung des kanonischen Werks vorgelegt.

          Das berühmteste ungelesene Buch der Welt:  „Ulysses“

          Nach 22 Stunden Hörerlebnis lässt sich sagen: Dem Regisseur Klaus Buhlert, der auch den Text bearbeitet und die Musik komponiert hat, ist ein akustisches Glanzstück geglückt, das durch viel mehr als nur monumentale Größe besticht. Dieser dem Hörfunk ureigenen Kunstform gelingt es hier tatsächlich, das bisweilen schwer greifbare Buch mit all seiner brodelnden Innenwelt durch Inszenierung lebendig werden zu lassen. Man muss den „Ulysses“ vielleicht nicht lesen, aber man sollte ihn unbedingt hören.

          Weitere Themen

          Wettstreit der Romantiker

          Ausstellungen in Paris : Wettstreit der Romantiker

          Victor Hugo, Notre-Dame und die Folgen: Zwei Pariser Ausstellungen im Petit Palais beschäftigen sich mit einer Zeit, die ihre Liebe für „ihr“ Retro entdeckte und auch vielfältig auslebte.

          Russischer Ort streitet über Stalin-Statue Video-Seite öffnen

          Aufstellen oder nicht? : Russischer Ort streitet über Stalin-Statue

          Seitdem in der russischen Ortschaft Kusa eine alte Stalin-Statue in einem Teich entdeckt wurde, spaltet sie das Städtchen. Soll sie am alten Ort wieder aufgestellt werden, wie das der kommunistische Aktivist Stanislaw Stafejew fordert? Oder sollte sie lieber ins Museum?

          Topmeldungen

          Der Eingriff in die bundesweite Verteilung von Krankenhäusern muss mit chirurgischer Präzision ausgeführt werden – sonst leidet die Versorgungssicherheit vor allem auf dem Land schnell.

          Zu viele Hospitale : Der Patient Deutschland

          Die Deutschen lieben ihr Krankenhaus in direkter Nähe – mag es auch noch so schlecht ausgestattet sein. Daher hat auch die Politik kein Interesse an einem großflächigen Abbau der Hospitäler. Vernünftig ist das nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.