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Ulrich Peltzers neuer Roman : Die Geschäfte des Sylvester Lee Fleming

Ulrich Peltzers Romane sind Wasserstandsmeldungen unseres katastrophischen Bewusstseins. Im Amtsjahr 2009/10 war er Stadtschreiber von Bergen-Enkheim. Bild: Frank Röth

Versichern und alles Weitere der Versicherung überlassen? Du bist des Teufels, wenn Du diesen Rat annimmst! Ulrich Peltzers Roman „Das bessere Leben“ wirft sich kühn in den Fluss der Weltrisikogesellschaft.

          5 Min.

          Für Sylvester Lee Fleming läuft alles nach Plan. Ein Pionier, ein Virtuose der schöpferischen Zerstörung, eine lebende Legende in einer auf äußerste Diskretion geeichten Branche. Er ist der sprichwörtliche Hintermann, sorgt für das Back-up der Weltwirtschaft. Fast überall, wo Werte hin und her geschoben werden, Kapital abfließt und Schulden auflaufen, hat er seine Finger im Spiel, ohne sich seine Hände schmutzig zu machen. Risikomanagement, so nennt er sein Metier. In den Diensten des in diesem Weltmarktsegment seit Urzeiten führenden Unternehmens, Global Risk & Lifetime Stewardship Inc., stieg er auf, doch als er in der obersten Etage mit seinen Ideen für eine Erweiterung des Portfolios gegen eine Wand von Risikoscheu lief, machte er sich selbständig. Es dauerte nicht lange, und sein ehemaliger Arbeitgeber reihte sich bei seinen Auftraggebern ein.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Inzwischen, in Ulrich Peltzers heute erscheinendem Roman „Das bessere Leben“ schreiben wir das Jahr 2006, rechnet er täglich mit einem Übernahmeangebot von Seiten des Traditionshauses. Er geht auf die sechzig zu. Längst hat er einen vollständigen Satz seiner Geschäftsunterlagen gebunkert, im Keller der Villa, die er sich in Kalifornien mit Blick auf den Pazifik gebaut hat. Dort hat seine persönliche Archivarin schon alles sortiert, damit er die erste Seite im zweiten Kapitel seines Lebens aufschlagen kann: Er wird seine Memoiren diktieren.

          Das Messer im Schwein

          So weit der Plan. Aber ihm kommt etwas dazwischen. Nein, das ist falsch gesagt. Fleming kann nichts passieren, er hat umfassend vorgesorgt. Er kommt sich selbst dazwischen, an jenem Abend im Hotel in São Paulo. Eine Irritation ergreift von ihm Besitz und lässt ihn die Dispositionen für seinen Ruhestand revidieren. Gerade hat ihm sein treuer Assistent Dr. Angel Barroso, der für ihn Daten sammelt und Kontakte knüpft, eher Kompagnon als Angestellter, gut bezahlt und wohlgenährt, telefonisch von erfreulichen Fortschritten in einer heiklen Sache berichtet. So richtig freuen will Fleming sich nicht, wegen des läppischen Umstands, dass der Mitarbeiter mit dem Namen der Himmelsboten ihm die gute Nachricht schon eine Stunde früher hätte überbringen können. Kennt Angel seinen Chef etwa schlecht? Hat der Patriarch der Fleming Family of Businesses denn nicht alle Zeit der Welt?

          Bild: Verlag

          „Fleming schmiss den Hörer zur Seite. Es würde für ihn kein Ende geben, keine beschaulichen Tage in Carmel mit dem Geld, das Global Risk zu zahlen bereit wäre. Einmal ausschlafen, das ja, zwei Wochen Ruhe, in denen er mit seinem Bericht, der Schilderung seiner Tätigkeit, seines Eingreifens allüberall beginnen könnte, aber er musste weitermachen, immer weiter, in dieser Gestalt oder jener. Wie nötig das war! Es knirschte im Augenblick doch an sämtlichen Ecken und Kanten, wie kann man da das Messer im Schwein stecken lassen? Hände an der Schürze abwischen und es sich im Schaukelstuhl bequem machen ... nicht er, nicht morgen und nicht übermorgen, wahrscheinlich - und sei der Gedanke selbst für ihn mit ein wenig Unbehagen verbunden - wahrscheinlich wohl nie.“

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