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Neuer Verlag „Kupido“ : Das Gegenteil von Kurzarbeit

  • -Aktualisiert am

Dass Portugal schöne Buchhandlungen hat, hat sich herumgesprochen. Doch Bücher aus dem Portugiesischen schaffen es nur selten auf den deutschen Markt. Bild: Picture-Alliance

Es ist ein ungewöhnlicher Zeitpunkt, um einen Verlag zu gründen. Der Übersetzer Frank Henseleit versucht das mit „Kupido“ in Köln. Im Programm sind viele zweisprachige Ausgaben und Reiseberichte.

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          Die Lücke, die der Teufel lässt, tut sich auf zwischen „Bioy Casares“ und „Byron“. Warum in dieser mythenumrankten Genfer Bibliothek „Borges“ fehlt, erklärt sich vordergründig leicht: Es ist dessen eigene, und der Großmeister des Magischen Realismus, seit Jahrzehnten erblindet, gesteht seinem ertappten Besucher, einem Jorge-Luis-Borges-Philologen, er erinnere sich ungern an das, was er geschrieben habe; „aber wissen Sie was, ich habe alle Erzählungen im Kopf“.

          Dass der Held in Jaime Begazos Kurzroman „Zeugen“, platzend vor Stolz über eine Audienz beim „Inbegriff der Literatur“, heimlich dessen Regale absucht, hat einen Grund: Er will überprüfen, ob das, was ihm der alte Borges 1986 kurz vor dem Tod auf die Frage nach der nur einmal erwähnten Figur Milton Sills über die angeblich wahren Hintergründe der Erzählung „Emma Zunz“ aus der Sammlung „Das Aleph“ anvertraut hat, mit dem Text selbst vereinbar ist. Den Text selbst aber gibt es nicht. Ein vollendet postmoderner Purzelbaum, Dekonstruktion zum Anfassen.

          So bleibt dem Helden nur, sich der Version der Erzählung im Kopf des Autors auszuliefern, und die beginnt auf spektakuläre Weise zu leben. Die Geschichte, die eigentlich parabelhaft von der unerbittlichen Rache einer jüdischen Arbeiterin an einem Fabrikbesitzer erzählt, wandelt sich vor den Ohren des Zuhörers in eine mehrbödige Kriminal- und Liebesgeschichte. Raffiniert überblendet Begazo, der 1957 in Lima geboren wurde und heute bei New York lebt, die Fiktionsebenen und spielt auf eine Borges’ würdige Weise mit dessen listiger Realitätsverflüssigung. Dass sich der Autor dabei noch einmal an der alten Frage nach der Wahrheitsdimension von Literatur abarbeitet, macht man gerne mit, wenn es so charmant und stilvoll geschieht und dabei sogar Spannung und Humor dominieren.

          Schwerelose Parabel über das Erzählen

          „Zeugen“ ist aber nicht nur eine kluge, schwerelose Parabel über das Erzählen. Das Buch, vorzüglich eingedeutscht durch Frank Henseleit, ist auch ein formidables Entree für einen auf iberische und lateinamerikanische Literatur fokussierten Verlag, den der erfahrene Übersetzer Henseleit, unbekümmert um Branchen- und Corona-Krise, soeben ins Leben gerufen hat. Abgesehen von einer Vorversion seiner „Zeugen“-Übersetzung, die er vor einem Jahrzehnt in der Literaturzeitschrift „Schreibheft“ publiziert hat, ist über Begazo hierzulande so gut wie nichts bekannt.

          Das könnte sich ändern. Die Rückmeldungen von Lesern und Buchhändlern auf seinen ersten Buchtitel seien jedenfalls beglückend, sagt der mit Bedacht sprechende Neuverleger in seinem zum Verlagsatelier umgebauten großen Ladenlokal in der Kölner Südstadt. Und die peruanische Botschaft freue sich, dass es hierzulande „plötzlich einen zweiten peruanischen Autor“ gebe; das Niveau von Mario Vargas Llosa erreicht Begazo dann wohl doch nicht, aber Verleger haben eine Lizenz zum Trommeln.

          Die Buchvorstellung in Anwesenheit des Autors muss, des Virus wegen, noch etwas warten. Henseleit wollte nach anderthalbjähriger Vorarbeit aber nicht länger warten, um sein beachtliches Debütprogramm auf den Markt zu bringen. Rein formal existiert der Kupido Verlag bereits seit den neunziger Jahren, bislang allerdings nur für kleine Liebhaberbroschüren. Von nun an aber mischt Kupido als properer Literatur- und Publikumsverlag in der Buchbranche mit, und es sind nicht allein Übersetzungen des Verlagsleiters, die hier in Eigenregie publiziert werden. In den nächsten Wochen werden vier Titel erscheinen, darunter Henseleits Übertragung des Romans „Das Meer“ (1957), in dem der Katalane Blai Bonet psychotisch in eine Gewaltspirale im franquistischen Spanien eintaucht, sowie ein von Christine Battermann übersetzter aktueller Roman der in Raqqa geborenen Autorin Shahla Ujayli. Dass neben Hispanischem ein zweiter Schwerpunkt des Verlags auf der arabischen Literatur liegt, ist für Henseleit auch inhaltlich begründet durch die gegenseitige Beeinflussung beider Kulturen zwischen Al-Andalus und dem Protektorat Spanisch-Marokko. So besitzt der Kupido Verlag auch bereits ein erstes Imprint, den aufgekauften Alawi Verlag, in dem ausschließlich Übersetzungen von Werken arabischer Autorinnen erscheinen.

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