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Türkische Terroristen : Die Attentatsliste: Wer Orhan Pamuk töten wollte

Im Visier türkischer Terroristen: Literatur-Nobelpreiträger Orhan Pamuk Bild: ddp

Fast genau ein Jahr nach der Ermordung Hrant Dinks sind in Istanbul mehr als dreißig Personen festgenommen worden. Auf der Liste ihrer Attentatsziele stand auch Nobelpreisträger Orhan Pamuk. Wer hinter der Organsation „Ergenekon“ steckt.

          Man müsse Morddrohungen nicht übermäßig ernst nehmen, wenn man in seinem Teil der Welt lebe, sagte Orhan Pamuk gegenüber der F.A.Z., als er im Mai letzten Jahres sein Buch „Istanbul“ in Deutschland vorstellte. Allerdings würden solche Drohungen nach dem Tod Hrant Dinks anders wahrgenommen.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Jetzt, fast auf den Tag genau ein Jahr nach der Ermordung des armenisch-türkischen Journalisten, sind in Istanbul bei einer Razzia mehr als dreißig Personen festgenommen worden: Sie wollten Orhan Pamuk töten und stehen im Verdacht, an der Ermordung Dinks beteiligt gewesen zu sein. Die Liste potentieller Opfer, die bei der Razzia sichergestellt worden sein soll, verzeichnet neben Pamuks Namen auch mehrere kurdische Politiker und den regierungsnahen Kolumnisten Fehmi Koru, der zu den einflussreichsten Journalisten des Landes zählt.

          Zwei wichtige Drahtzieher der türkischen Rechtsextremisten

          Noch liegt eine offizielle Bestätigung der „Attentatsliste“, von der türkische Medien berichten, nicht vor, und die Staatsanwaltschaft in Istanbul hat eine Nachrichtensperre verhängt. Dennoch lässt sich schon jetzt sagen, dass die Regierung Erdogan jetzt ihren bislang härtesten und wichtigsten Schlag gegen die extremen Nationalisten geführt hat. Denn unter den festgenommenen Mitgliedern der Organsation „Ergenekon“ befinden sich mit Kemal Kerincsiz und Veli Kücük zwei wichtige Drahtzieher der türkischen Rechtsextremisten.

          Der Anwalt Kerinsciz soll seine Finger im Spiel gehabt haben, als Dink, Pamuk und die türkische Schriftstellerin Elif Shafak wegen „Herabsetzung des Türkentums“ vor Gericht gestellt wurden. Und Kücük, ein ehemaliger Brigadegeneral der Gendamerie, gilt als prominenter Repräsentant des „tiefen Staats“, jenes mächtigen Amalgams aus Militär, pathologischen Nationalisten und mafiaähnliche Strukturen, dem Ministerpräsident Erdogan vor einiger Zeit den Kampf angekündigt hat. Bislang war über die Hintermänner von Dinks Ermordung nichts bekannt. Das könnte sich jetzt ändern.

          Das Amselfeld für nationalistische Türken

          „Ergenekon“, sagt der mit Pamuk befreundete türkische Schauspieler und Übersetzer Recai Hallac, „ist eine Legende, von der jeder Türke gehört hat, aber die kaum jemand genau kennt. In rechten Kreisen spielt sie allerdings eine große Rolle.“ Ergenekon dürfte für nationalistische Türken ungefähr das sein, was das Amselfeld für viele Serben bedeutet: Ursprungsort eines nationalen Mythos mit pseudoreligiösen Zügen.

          Der Ergenekon-Legende nach hat sich das türkische Urvolk der Göktürken nach dem Zusammenbruch seines Reiches in ein unwegsames Berggebiet geflüchet, in dessen Zentrum sich ein fruchtbares Tal auftat, das die Göktürken besiedelten. Hier schmelzen sie all ihre Waffen ein, errichten ein gewaltiges Eisentor, das den einzigen Talzugang versperrt, und schließen sich für Generationen von der Außenwelt ab. Aber das Tal ist auf Dauer zu klein, und aus dem Eisentor werden wieder Waffen geschmiedet. Orientierungslos irren die Enkel der Flüchtlinge im Gebirge umher, bis ihnen eine Wölfin erscheint und die Göktürken in die Ebene führt.

          Die Antwort gibt Pamuk in seinen Büchern

          Seit Jahrzehnten wird diese Legende, die bei allen Turkvölkern bekannt sein soll, politisch instrumentalisiert. Die graue Wölfin, die die Göktürken fortan im Wappen führten, gab nicht nur der gewalttätigen türkischen Geheimorganisation ihren Namen, sondern verkörpert auch den Traum von der Wiederkehr eines großtürkischen Reiches, wie es die Göktürken beherrscht haben sollen, bevor sie von fremden Völkern vertrieben wurden. Hass auf alles Nichttürkische, die inbrünstig angenommene Opfer- und Märtyrerrolle am Rande der Welt und die Verheißung einer glorreichen Wiederauferstehung mischen sich mit kruden Phantasien von Übermenschentum und imperialer Größe. Jetzt müssen sich die dreiunddreißig festgenommenen Mitglieder von „Ergenekon“ wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung vor Gericht verantworten, und es ist zu hoffen, dass „Ergenekon“ nach diesem Prozess etwas ganz anderes symbolisiert, als sich die Verschwörer erträumt haben - nämlich das Aufbegehren der säkularen und liberalen Türkei gegen den Terror der Nationalisten.

          Orhan Pamuk, der sich zurzeit in Istanbul aufhalten soll, hat nicht nur, wie oft zu lesen war, ein Apartment in New York erworben. Er hat auch ein Haus in Istanbul gekauft, das die Sammlung von Gegenständen der türkischen Alltagskultur aufnehmen soll, die er in seinem Leben zusammengetragen hat. Haus und Sammlung sollen denselben Namen tragen wie sein jüngster Roman, der in diesem Jahr auch auf Deutsch erscheinen wird: „Das Museum der Unschuld“. Orhan Pamuk gibt die Antwort auf die Bedrohung, die er in der Türkei erfährt, in seinen Büchern. Sie handeln nicht zuletzt von der großen Liebe eines Schriftstellers zu seiner Heimat, einer Liebe, die sich erschüttern, aber nicht ersticken lässt.

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