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Truman Capote : „Marilyn, warum muss alles immer so ausgehen?“

  • -Aktualisiert am

Truman Capote 1980 in seiner New Yorker Wohnung Bild: picture-alliance/ dpa

Truman Capotes Weg vom Roman in den Journalismus war ein Experiment von weltliterarischem Rang. Es glückte so fabelhaft, dass man heute das Gewagte daran nicht mehr erkennt. Bestsellerautor Daniel Kehlmann hat es sichtbar gemacht.

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          Die Geschichte steht in den Lehrbüchern und wird bis zur Ermüdung wiedergegeben in Journalismusseminaren: Anfang der sechziger Jahre erfand Truman Capote mit dem Dokumentarroman „Kaltblütig“ eine neue Mischform, ihm schlossen sich Norman Mailer, Tom Wolfe und Hunter S. Thompson an, die daraus entstandene Bewegung heißt „New Journalism“ und zeichnet sich durch radikalen Subjektivismus aus: Rhythmus und Schwung sind wichtiger als Objektivität, eine gute Story ist interessanter als Vollständigkeit der Fakten, und im Mittelpunkt steht immer die Figur des Berichterstatters.

          Generationen von Magazinjournalisten haben es so gelernt und verfassen nach diesem Rezept Reportagen im globalisierten Einheitsstil: ob aus Kapstadt oder vom Südpol, ob über Autorennen oder Kriminelle in Afrika, ob aus dem Krieg oder von einer Modenschau.

          „Welcher Dreck lässt sich am schwersten zu Gold machen?“

          Aber Truman Capote ist daran nicht schuld. Sein Weg vom Roman in den Journalismus war ein Experiment von weltliterarischem Rang, und noch immer verstellt das Bild der Society-Figur Capote, des Gastgebers exzentrischer Partys und Freundes der Jetset-Prominenz, den Blick auf seine Bedeutung als Schriftsteller. Anders als Wolfe und Thompson, die nach ihm kamen, ging es ihm nicht darum, die Faktenhaltigkeit des Journalismus in die Literatur zu tragen, er wollte vielmehr das Instrumentarium seines an Flaubert geschulten Stils, seine Beschreibungskunst, die psychologische Feinheit seiner Figurenzeichnung auf Bereiche anwenden, die bislang nur der Journalismus behandelt hatte. Dieses Experiment glückte so fabelhaft, dass man heute das Gewagte daran nicht mehr erkennt: Was als avantgardistische Literatur begann, prägt den Mainstream der Magazine.

          Kehlmann über Capote: Sein Experiment glückte fabelhaft
          Kehlmann über Capote: Sein Experiment glückte fabelhaft : Bild: F.A.Z. Helmut Fricke

          Bewusst nahm sich Capote zunächst das Verdächtigste aller Gebiete vor: das Starporträt. „Ich ging von folgender Überlegung aus: Was ist die niederste Stufe des Journalismus? Anders gefragt, welcher Dreck lässt sich am schwersten zu Gold machen?“

          In Japan traf er den jungen Marlon Brando – damals noch kein verfetteter Riese, sondern ein junger Mann von engelhafter Schönheit, genialer Begabung und mittelmäßiger Intelligenz – und schrieb den Essay „Der Fürst in seinem Reich“. Capote kommt selbst darin als aufmerksam lauschende Randfigur vor, Brando isst viel und spricht noch mehr, sein chaotisches Hotelzimmer wird ebenso beschrieben wie die verehrungsvollen Zimmermädchen, die japanischen Gärten und die nächtlichen Lichter der leeren Stadt. Dieser Text, mit dem die neue Gesamtausgabe von Capotes Reportagen beginnt, gilt heute als Klassiker und als eines seiner Meisterwerke.

          Ist das noch Bericht oder schon Dichtung?

          Nicht ganz zu Recht vielleicht. Liest man die Texte in der Reihenfolge ihres Entstehens, so scheint das Brando-Porträt noch ein wenig tastend, fast konventionell im Vergleich zu späteren Reportagen, in denen Capote knappste Beschreibungen mit seitenlangen Dialogsequenzen abwechselt, von denen klar ist, dass sie von keinem Aufnahmegerät mitgeschnitten wurden. So etwa in seinem dem Brando-Text weit überlegenen Porträt von Marilyn Monroe, das sich am Schluss unvermittelt in die Höhen reiner Lyrik aufschwingt – „Ich wollte meine Stimme über das Geschrei der Möwen erheben und sie zurückrufen: Marilyn! Marilyn, warum muss eigentlich alles immer so ausgehen? Warum ist das Leben so unglaublich beschissen?“ Oder in „Ein Tagwerk“, der wohl lustigsten Reportage von allen: Capote begleitet seine Putzfrau Mary Sanchez auf ihrer Tagestour durch verschmutzte Wohnungen, die beiden rauchen Haschisch, und ihre Gespräche werden immer absurder, bis alles in einem Eklat endet. Ob das noch Bericht ist oder schon reine Dichtung, könnte nicht unwichtiger sein.

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