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Toningenieur Geoff Emerick im Interview : Ich war der sechste Beatle

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Das war noch nicht üblich. Immerhin habe ich später einen Grammy dafür bekommen. Was Elvis Costello betrifft: Das ist natürlich sehr schmeichelhaft, was er da über mich gesagt hat. Da wird schon ein bisschen was dran sein.

Gilt umgekehrt, dass in dem Maße, in dem die Beatles selbstbewusster wurden und das Studio für ihre Musik immer wichtiger, die Rolle von George Martin als Produzent abnahm?

Das war schon so. Beim „White Album“, das ich etwa zur Hälfte aufnahm, bevor ich es nicht mehr aushielt und ging, hatte er die Kontrolle über die Beatles so ziemlich verloren. Aber damit wir uns nicht falsch verstehen: George Martins Bedeutung für die Beatles, ihren Sound, ihre Harmonien, ihren Gruppengesang, die Struktur ihrer Songs war immens, auch wenn er zum Ende hin nicht mehr die Rolle hatte wie zu Beginn.

Von George Martin stammt der Satz, „Sergeant Pepper“ wäre mit vierundzwanzig Tonspuren auch nicht besser geworden als mit vier Spuren.

Mit weniger Spuren ist man eben gezwungen, Entscheidungen zu treffen. Mit den heutigen digitalen Aufnahmeverfahren sind die Möglichkeiten nahezu grenzenlos, damit aber auch die Variablen. Deswegen läuft man Gefahr, im Kreis zu laufen.

Wann haben Sie eigentlich zum ersten Mal gemerkt, dass die Beatles sich auseinanderentwickeln?

Am Tag vor ihrem Abflug nach Indien hatten sie „Hey, Bulldog“ eingespielt. Da herrschte noch allerbeste Stimmung. Als sie aus Indien zurückkamen, waren sie wie verwandelt: zornige Typen, die auf einmal doppelt so laut spielten - was meinen Job auch nicht gerade leichter machte.

Wenn man „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ vom Weißen Album hört, würde man nicht vermuten, dass ausgerechnet bei diesem Song alles überkochte.

Lennon hat diesen Song einfach nur gehasst! Es war kein Zufall, dass sich die ganzen Spannungen entluden, als McCartney seinen Gesang zum ich weiß nicht wievielten Mal noch mal aufnehmen wollte. Bei diesem Song wurde mir der ganze Ärger, den die Beatles untereinander hatten, einfach zu viel. Am nächsten Tag habe ich erklärt, dass ich aufhöre.

Was haben Sie empfunden, als das Weiße Album schließlich herauskam?

Ich habe mir dieses Album bis heute nie angehört. Natürlich kenne ich einzelne Songs daraus, allein schon, weil sie immer wieder im Radio laufen; aber freiwillig oder als Ganzes: bis heute nicht. Es geht einfach nicht. Ich habe so unglaublich schlechte Erinnerungen an diese Aufnahmen - das käme alles hoch.

Bei „Abbey Road“ saßen Sie doch noch einmal für die Beatles am Mischpult. War Ihnen klar, dass das ihr letztes Album sein würde?

Nein, überhaupt nicht. Ich hatte auch keinen Grund, so etwas zu glauben; schließlich war ich derjenige, der den Beatles damals ihr Apple-Studio, das Magic Alex, ihr seltsamer Technik-Guru, total vermurkst hatte, wieder auf Vordermann brachte. Warum sollte ich da glauben, dass die Beatles sich auflösen würden? Außerdem war die Atmosphäre viel besser als beim Weißen Album.

Wie kam das?

George Martin hatte zur Bedingung gemacht, dass sie wieder zu einer normalen, einigermaßen kontrollierten Arbeitsweise zurückkehren und sich dabei einigermaßen gesittet benehmen. Es war zwar nicht so wie in den guten alten Tagen. Die Freundschaft der Beatles war einfach nicht mehr da. Das merkte man zum Beispiel, wenn einer seinen Solo-Part aufnehmen musste. Früher wären die anderen dabeigeblieben - einfach aus Neugierde und um dabei zu sein. Jetzt fuhren sie nach Hause und haben den anderen allein gelassen.

Haben Sie sich dieses Jahr „Love“ angehört, den Beatles-Remix von George Martins Sohn?

Nein. Werde ich auch nicht.

Weshalb?

Dieses „Love“-Album ist für mich so, wie wenn jemand an einem großen Kunstwerk herumpfuscht - als ob jemand an der Sixtinischen Kapelle herummalte, weil er glaubt, er könne es besser. So etwas macht man doch nicht! Und dann noch so tun, als ob das jetzt eine neue Beatles-Scheibe wäre, obwohl zwei Beatles schon nicht mehr leben.

Verraten Sie uns zum Schluss noch, ob Sie der fünfte Beatle sind?

Wenn überhaupt, dann ist das George Martin. Wenn es einen sechsten Beatle geben sollte, dann vielleicht Norman Smith und mich.

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