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Tomas Espedals Erzählzyklus : Icke & Er

  • -Aktualisiert am

Kritischer Blick: Tomas Espedal in Bergen Bild: Jan Wiele

Norwegische Literatur verpflichtet: Tomas Espedal, der Lehrer von Karl Ove Knausgård, schließt mit dem schmalen Band „Lieben“ ein großes autobiographisch grundiertes Romanprojekt ab.

          2 Min.

          Beginnt dieses Buch mit einem Druckfehler? Nein, in dem Satz „Ich sucht nach einem Ort zum Sterben“ fehlt kein Buchstabe. Denn das „Ich“ in Tomas Espedals Abschlussband seines „autobiographischen Projekts“, wie es der Verlag nennt, wird behandelt wie ein „Er“, also wie eine Figur, von der sich die erzählende Stimme distanziert. Schon im Folgesatz heißt es: „Er fällt hin, steht auf, klopft sich Schmutz von der Kleidung.“ Deutlicher kann man nicht machen, dass auch das „Ich“ nur eine Erfindung ist, formbares Material. Spielmasse.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Ohnehin hat Espedal in den Vor­gängerbänden alle möglichen Formen durchgespielt, die des Journals in „Wider die Natur“, die des Essays in „Bergeners“, die des Prosagedichts in „Das Jahr“. Nun übt er sich in Entgrenzung: „Ich erinnerte sich an eine schöne Frau und eine schwierige Mutter.“ Da liegt man als Leser mit auf der Couch: Ja, Espedals Projekt ist eine lange, lebenslange Psychoanalyse. Sie kann plötzlich mitten in die Kindheit springen, dann wieder ist sie dem Tod nahe, sehr nahe. Immer wieder geht es um den Tod, am besten den „guten Tod“, den zu finden aber nicht so leicht ist.

          Wem gehört aber dann die Stimme, die über die Ich-Figur spricht? Sagen wir einfach, sie kommt von außerhalb, beobachtet diese. Sie weiß ein bisschen mehr als sie, aber auch nicht alles. Das ist nicht allzu schwer zu verstehen, das gab es in der Literatur schon öfter. Es mussten nicht erst die norwegischen Autofiktionalisten kommen, oder wie auch immer man sie nennen will, um so zu schreiben. Aber man kann natürlich, wenn es mehr Bücher zu verkaufen hilft, gern behaupten, es handele sich hier um etwas Neues, „radikal Authentisches“, oder so ähnlich.

          Tomas Espedal: "Lieben". Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Matthes & Seitz, Berlin 2021. 118 S., geb., 18,- Euro.
          Tomas Espedal: "Lieben". Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Matthes & Seitz, Berlin 2021. 118 S., geb., 18,- Euro. : Bild: Verlag

          Dieses Buch nun trägt den schlichten Titel „Lieben“, und wem das bekannt vorkommt, der wird sich vielleicht er­innern, dass so auch schon Karl Ove Knausgårds zweiter Band seines Mammut-Schreibprojekts mit dem prekären Titel „Mein Kampf“ hieß. Knausgård allerdings war an der „Skrivekunst­akademiet“ in Bergen Ende der acht­ziger Jahre ein Schüler von Tomas Es­pedal, und vielleicht möchte dieser mit dem gleichlautenden Null-Titel dem zum literarischen Weltstar avancierten Knausgård auch ein bisschen trotzig zeigen, dass er die Liebe schon etwas länger kennt als er – oder gar erfunden hat.

          Liebe gegen Leere

          Espedal hat Knausgård aber vor allem eines voraus: die Kürze. Auch dieses Buch hat kaum mehr als hundert Seiten. Die allerdings haben sehr viel Schmerz in sich. Immer wieder wird der Schmerz eines ganzen Lebens gegen die schönen Momente aufgewogen. Die Liebe gegen die Leere, der Rausch gegen den Kater oder – drastischer gesagt, denn drastisch schreibt Espedal – das Trinken eines guten Rotweins gegen das Erbrechen desselben über Bett und Tisch, über Bücher und Notizen.

          Mit Anklängen an Hofmannsthals „Jedermann“ und Kafkas „Process“ lotet Espedal das Schwanken der Ich-Figur zwischen Schuldgefühlen und dem Eindruck, schuldlos verurteilt zu werden, in kurzen, harten Sätzen aus. Einmal noch bricht in dieses Schmerz-Dasein ein neues Sich-Verlieben ein, das alles ändern könnte, aber die Ich-Figur, noch harrend eines Urteils in einem tatsächlich gegen sie geführten Prozess, kann dessen Ende nicht abwarten und spricht das Urteil über sich selbst. Die Außensicht auf dieses Ich ermöglicht das bitterste Ende, das dennoch nur angedeutet wird. Das ist mitunter nicht leicht zu lesen, aber es lohnt sich.

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