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Neues Buch zum Alten Fritz : Der Einzige und sein Königtum

Damals war er noch nicht der Alte Fritz: Friedrich der Große im Jahr 1763, gemalt von Johann Georg Ziesenis Bild: ddp

Wie der preußische Absolutismus zur Ich-AG wurde: Tim Blanning erzählt die Lebensgeschichte Friedrichs des Großen in erfrischend nüchternem und zeitgemäßem Ton. Für ihn ist der Herrscher ein Homosexueller ohne Wenn und Aber.

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          Sieben Jahre liegen die Feierlichkeiten zum dreihundertsten Geburtstag Friedrichs des Großen zurück, aber es fühlt sich an, als wären es zwanzig. Dasselbe gilt für die Debatten um die historische Bedeutung des Preußenkönigs: Sie sind selbst historisch geworden. Der Alte Fritz regt niemanden mehr auf, sein Charakterbild hat sich verfestigt und schwankt nicht mehr in den Wechselfällen der Geschichte. Wenn ein wichtiger deutscher Verlag in dieser Lage eine neue Friedrich-Biographie veröffentlicht, muss er viel Vertrauen in ihren Autor haben. Im Fall von Tim Blanning ist das Vertrauen mehr als gerechtfertigt. Sein Buch ist die zeitgemäße Lebensbeschreibung des Monarchen, mit der hierzulande keiner mehr gerechnet hat.

          Herzenskälte und Rechthaberei

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In England ist das Werk des britischen Historikers bereits 2015 erschienen. Blanning, seit zehn Jahren in Cambridge emeritiert, hatte Gelegenheit, die vorbereitenden Tagungen der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten zur großen Jubiläumsausstellung von 2012 zu besuchen, und er bezieht deren Ergebnisse in seine Darstellung ein. Noch gründlicher und größtenteils zustimmend setzt er sich mit Jürgen Luh auseinander, der in seiner Studie „Der Große“ die Schattenseiten des ruhmsüchtigen Königs beleuchtet hat – Herzenskälte, Misanthropie, Falschheit, Willkür und Rechthaberei, um nur die wichtigsten zu nennen. Blannings Buch ist also nichts für Friedrich-Verehrer alter Schule oder neupreußischer Provenienz. Um so dringender ist es all jenen zu empfehlen, die sich ein zeitgemäßes Bild des Siegers von Leuthen und Erbauers von Sanssouci machen möchten.

          Für die bundesdeutsche Geschichtsschreibung über Friedrich den Großen sind die Biographien von Theodor Schieder (erschienen 1983) und Johannes Kunisch (2004) grundlegend. Während Schieder vor allem die inneren Spannungen des friderizianischen „Königtums der Widersprüche“ betonte, zeichnete Kunisch den Lebensweg Friedrichs als Bildungsroman, der von der frühen Gier nach Ruhm und Erfolg zu einer Ethik des Dienens in den späten Regierungsjahren führte. In einem Punkt allerdings waren sich die beiden so verschieden argumentierenden Historiker einig: Sie vermieden jede tiefere Spekulation über die sexuelle Orientierung des Preußenkönigs. Diesen Konsens kündigt Blanning auf.

          Der Sohn träumt von seinem Vater

          Für ihn ist Friedrich der Große ein Homosexueller ohne Wenn und Aber, auch wenn er zu der Frage, inwieweit der Monarch seine Veranlagung auch körperlich auslebte, kaum Greifbares beizutragen hat. Die augenzwinkernde Bemerkung, Friedrich und Liebling Fredersdorf hätten „regelmäßig an Problemen im Analbereich“ gelitten, gehört zu den wenigen Stellen, an denen sein historisches Stilgefühl den Autor im Stich lässt.

          Aber für Blanning ist es auch nicht entscheidend, ob der König die Lebensform, die er für sich gewählt hatte, im Bett praktizierte oder nicht. Die Homosexualität ist in seiner Lesart nur eines von mehreren Verhaltensmustern, mit denen der junge Friedrich auf den Versuch seines Vaters reagierte, ihn als Individuum zu zerstören. Ein weiteres Muster war die Liebe zur Kunst und zur Philosophie, ein drittes die monarchische Prachtentfaltung in repräsentativen Großbauten, ein viertes, nach dem Regierungsantritt, der Krieg. Dennoch hat keiner dieser Hammerschläge den Sohn aus den väterlichen Ketten befreit. Noch im Sommer 1760, auf dem Höhepunkt des Siebenjährigen Krieges, erzählte Friedrich seinem Vorleser de Catt von einem Traum, in dem er Friedrich Wilhelm I. im Jenseits gegenübergetreten sei und ihn gefragt habe, ob er es nicht „gut gemacht“ habe.

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