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Tiere im Roman : Die Wölfe sind unter uns

Nur ein Tier, oder doch wieder eine Metapher für irgendwas Größeres? Wildtiere bevölkern die Gegenwartsliteratur. Bild: dpa

In der literarischen Menagerie: Auffällig, in wie vielen Büchern dieses Frühjahrs sich Tiere herumtreiben. Füchse, Wölfe, Pfauen, Frettchen – da liegt es nahe, einen eskapistischen Reflex des zivilisierten Stadtmenschen zu vermuten.

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          Zunächst hinterlässt er nur Spuren im Schnee, irgendwann taucht eine Fotografie von ihm auf. Obwohl sie unscharf ist, wird sie in allen Zeitungen abgedruckt. Sie zeigt den einsamen Wolf, der im Romandebüt des Dramatikers Roland Schimmelpfennig durchs winterliche Land zieht. Doch er erscheint weniger angriffslustig als vielmehr so orientierungslos wie die Menschen, von denen außerdem erzählt wird. Ob die polnische Putzfrau, die ihren Freund betrügt, die Jugendlichen vom Dorf, die ihr Glück in Berlin suchen, oder die türkische Zeitungsvolontärin, die sich in der Hoffnung auf eine Story an seine Fersen heftet, alle taumeln durch eine Gegenwart, auf der ein Schrecken des Eises und des finsteren Tieres liegt.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Was ist da los? Will uns ein Roman mit dem sperrigen Titel „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21.Jahrhunderts“ Einblicke ins Berliner Wolfserwartungsland geben? Das auf die Hauptstadt zuwandernde Tier hält ja nicht nur die losen Short Cuts des Romans zusammen. Vor allem entzünden sich an ihm die wildesten Phantasien und Ängste der Menschen. Interessant an der Wolfsgeschichte aber ist der Ort. Denn anders als im Märchen, das die Konfrontation mit dem kinderhungrigen Wolf stets im Wald, also in dessen ureigenem Terrain, schildert, erzählt Schimmelpfennigs Prosa von der Rückkehr der Wildtiere in die Zivilisation.

          Die Menschen fürchten den neuen Nachbarn

          Dass diese damit ihre Probleme hat, wissen wir, spätestens seit der Problemwolf Kurti durch Niedersachsen zieht und damit sogar Flugzeugeinsätze provozierte. Die Menschen fürchten den neuen Nachbarn, der aus dem Osten zugewandert ist und plötzlich in ihren Wohngebieten auftaucht. Geschichten von angegriffenen Joggern und flüchtenden Müttern mit Kinderwagen kursieren im Netz. Im Roman taucht das Tier bald nicht nur im Wedding und am Mauerpark auf, sondern auch in den Träumen der Menschen. Das ist nur konsequent: Denn um sich den Wolf vom Leib zu halten, muss man ihm erst einmal ganz nah kommen.

          Was an Schimmelpfennigs Roman verblüfft, ist sein Umfeld. Denn das Buch ist kein Solitär, sondern, wie es scheint, nur das auffälligste Element einer ganzen literarischen Bewegung. Ein Blick in die Frühjahrsproduktion der Verlage zeigt, dass Tiere derzeit unwiderstehlich sind. Das Programm ist bestialisch wie nie: In Isabel Bogdans englischer Landpartie macht ein sich spreizender Pfau eine Gruppe von Bankern, die sich zum Teambuilding treffen, ganz verrückt. In Nis-Momme Stockmanns norddeutscher Apokalypse treiben kleine, schlaue Füchse ihr Unwesen im Untergrund. In Juli Zehs Dorfroman entzündet sich an einem seltenen Vogel eine Debatte über weit größere Fragen. Jan Wagners jüngste Gedichtsammlung nennt sich „Selbstporträt mit Bienenschwarm“, bei Thomas Glavinics neuem Roman „Der Jonas-Komplex“ wird einem Frettchen übel mitgespielt, und selbst eine Ausgrabung wie David Garnetts „Dame zu Fuchs“ aus dem Jahr 1922 passt auf irritierende Weise in das literarische Tierleben dieser Tage.

          Tiere als Subjekte mit eigenen Rechten

          Das geht weit über die Belletristik hinaus: Tiere sind auch in den Geisteswissenschaften das Thema der Stunde. An den vielen neuen Lehrstühlen für Human-Animal-Studies betrachten Soziologen, Politikwissenschaftler und Juristen Tiere als Subjekte mit eigenen Rechten und einem Platz in der Gesellschaft. Und der Verlag Matthes &Seitz erzielt mit seinen aufwendig gestalteten Tierporträts über Krähen, Esel oder Schnecken, die in der Reihe „Naturkunden“ von Judith Schalansky erscheinen, beachtliche Auflagen von bis zu dreißigtausend verkauften Exemplaren.

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