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Thriller von Michael Robotham : Wer flieht in der letzten Nacht?

Martialisch: So können wir uns auch Sheriff Ryan Valdez vorstellen, der in Robothams Thriller zur Sache geht. Bild: AP

Eigentlich wurde Michael Robotham mit Thrillern berühmt, die in London spielen. Jetzt setzt er sich nach Texas ab. „Um Leben und Tod“ begleitet einen lesefreudigen Häftling beim Ausbruch.

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          Wie vertreibt man Kakerlaken aus einer Gefängniszelle? Gar nicht, meint Direktor Sparkes, denn in seiner Anstalt gebe es keine. Ob das auch die Kakerlaken wüssten, fragt Moss Webster zurück, der wegen Erpressung, Betrug, Drogenhandel und Totschlag lebenslang einsitzt. Zweimal im Jahr ausräuchern, lautet des Direktors Vorschlag zur Güte. Die Gefängnischemikalie, so Moss, stinke bestialisch, habe ansonsten aber keinen Effekt. Sein Rezept: Zahnpasta in die Mauerritzen schmieren, am besten jene der Firma Amerfresh, denn just diese mögen Kakerlaken nicht. Warum nicht? „Fragen Sie mich nicht“, entgegnet Moss, „aber es ist so.“

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Audie Palmer, sein bester Kumpel, wüsste die Antwort. Er ist der Erfinder des Zahnpasta-Axioms. Zudem ist Audie, sagt Moss, „bücherschlau“. Auf Empfehlung einer FBI-Agentin, die ihn verhörte, hat er etwa „Die Farbe Lila“ von Alice Walker und einige Romane von Toni Morrison gelesen, aber eben auch „Philosophie und so ’n Scheiß“. Nun freilich ist er weg: getürmt nach zehn Jahren im texanischen Staatsknast Three Rivers - ausgerechnet in der allerletzten Nacht vor der Entlassung. Ob „so etwas Bescheuertes“ womöglich doch einen Sinn haben kann: Diese Frage befeuert den Thriller „Um Leben und Tod“ bis fast zum Schluss.

          Und diese Frage ist es auch, die den australischen Autor Michael Robotham umtrieb, seit er vor mehr als zwanzig Jahren in der Zeitung von solch einem Ausbruch im letzten Augenblick las. Um ihr nun endlich eine Erzählantwort zu geben, hat er das serielle Schreiben unterbrochen, das von 2004 an im verlässlichen Jahresrhythmus je einen Psychothriller um den Londoner Psychiater Joe O’Loughlin und den Kriminalinspektor Vincent Ruiz zeitigte. Deren internationale Erfolge haben inzwischen auch das ZDF auf den Plan gerufen: Zu Anfang des Jahres war die Verfilmung des fürs Fernsehen nach Hamburg verpflanzten Robotham-Erstlings „Adrenalin“ zu sehen, weitere Adaptionen sind in Arbeit.

          Barsch, grob, hemdsärmelig

          „Um Leben und Tod“ ist also ein sogenannter Stand-Alone, ein Serienausreißer, den sich bisweilen auch Krimi- und Thrillerautoren wie Simon Beckett oder Jo Nesbø leisten, um von ihren Dauerhelden David Hunter und Harry Hole etwas Abstand zu gewinnen. Michael Robotham bekommt die London-Pause ganz gut. Im Handlungsdreieck zwischen Dallas im Norden, Houston im Süden und dem Staatsgefängnis im Westen kann er sich stilistisch robuster geben als sonst, zudem Milieus erkunden, auf die man in der britischen Hauptstadt eher nicht stößt: Ölbohrer oder Grubenarbeiter etwa, auch Baseballspieler sind in London rar. Bestenfalls als Tourist zu finden ist dort ein uramerikanischer Sheriff, den ohne Stern und Hut aber ohnehin niemand erkennt.

          In Robothams Texas-Thriller heißt der Sheriff Ryan Valdez. Unverkennbar ist er als Typus: barsch, grob, hemdsärmelig, gern die Kompetenzen überschreitend. Als Familienvater und Bürger von passablem Wohlstand aber gönnt ihm der Autor völlige Klischeefreiheit, was der Glaubwürdigkeit der Figur sehr zugutekommt. Audie Palmer ist der Triumph seiner frühen Karriere: Valdez hat ihn beim Überfall auf einen Geldtransporter gestellt und während des wilden Schusswechsels in den Kopf getroffen. Dass Audie überlebte, zudem ohne Gehirnschäden, ist ein Wunder. Beide Mittäter sind tot, ebenso ein Polizist und eine am Geschehen unbeteiligte junge Frau. Des Sheriffs Aussage bringt Audie ins Gefängnis. Verschwunden aber bleiben die sieben Millionen Dollar, die im Transporter waren. Und jetzt, zehn Jahre danach, fehlt auch vom ausgebrochenen Audie jede Spur.

          Thrillerleser sind langmütige Wesen

          Robotham nimmt sich viel Zeit, um in Rückblenden und Gegenwartsszenen die Charaktere und Geschichten der beiden Gegenspieler zu entfalten. In Audies Vergangenheit spielt Belita Vega, eine illegale Einwanderin aus San Salvador, die Hauptrolle, den Alltag von Valdez prägt die Sorge um das Wohl seiner Frau Sandy und des pubertierenden Sohnes Max. Dass der Sheriff den Entflohenen finden will, liegt auf der Hand. Aber offenbar sucht Palmer umgekehrt auch ihn, Valdez. Je unausweichlicher das wechselseitige Katz-und-Maus-Spiel auf eine Entscheidung hinauswill, desto komplexer und komplizierter wird allerdings auch das Beziehungsgeflecht, in das der Autor seine Hauptfiguren verstrickt.

          Es gelingt ihm eine intensive Schreckensszene in einem Motel unweit von Houston, es gelingt ihm auch, den bösen, guten Moss Webster jenseits der kakerlakenfreien Zelle und die zwischenzeitlich kaltgestellte FBI-Agentin jenseits ihrer Bücherlust wieder ins dann immer heftigere Geschehen einzubeziehen. Aber um die abgrundtiefe Palmer-Valdez-Verstrickung zu plausibilisieren, muss Robotham die Verhältnisse eben auch kräftig zurechtkonstruieren.

          Also dräut uns noch ein Politik- und Justizkomplott im Staate Texas, also wird Palmer einfach mal von einem großen Unbekannten gefunden und entführt. Krimi- und Thrillerleser sind langmütige Wesen. Solange es spannend, beklemmend und handlungsstark bleibt, verzeihen sie viel. Bis es am Ende dann naturgemäß um Leben und Tod geht, bleibt ihre Langmut auch gefragt. Eines aber wird dabei klar: warum Audie Palmer in der allerletzten Nacht seiner Haftzeit floh, mehr noch: warum er nur in diesem einen Moment fliehen konnte, fliehen musste. Und Klarheit ist ja nie schlecht.

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