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Thriller „Kill Decision“ von Daniel Suarez : Wie Technik die Welt zum Schlechteren wendet

Warum denn eigentlich ein Roman?

Im blutigen Gewirr der Zuständigkeiten zwischen Auslandsgeheimdiensten, Homeland Security, Air Force und klassischer Politik, über das man aus diesem Buch fast so viel lernen darf wie über emergente Intelligenz bei schwarmförmigen Superorganismen und die Verlegung der titelgebenden Tötungsentscheidung aus menschlichem in maschinelles Ermessen, kann einer wie Odin niemandem rechenschaftspflichtig sein, weil er sonst operativ gelähmt wäre. Die Heroisierung dieser partisanenhaften Asozialität des letzten Beschützers einer zerrissenen Weltsozietät hat nicht nur ihr politisch Hochbedenkliches. Sie spiegelt auch das Klassenbewusstsein (ein Wort, das im Buch selbst vorkommt, recht überraschend für einen amerikanischen Actionreißer) einer neuen Sorte von formal unabhängigen Vertragsrevolverhelden im Info-Business, zu denen nicht zuletzt der Verfasser des Romans selbst gehört, der als Berater mächtiger Firmen gearbeitet hat, bevor er seine schriftstellerische Ader entdeckte, und diesen alten Beruf sporadisch weiter ausübt.

Nunmehr ist er erst recht gefragt als einer, der Technologiefolgen und Tiefenprobleme der Wissenswirtschaft nicht nur erklären und bewerten, sondern auch erzählen kann. Warum aber schreibt solch ein Mensch etwas so Altmodisches wie einen Roman? Ist konventionelle, an Genrespielregeln gekettete Literatur überhaupt noch in der Lage, die nichtlineare Dynamik politischer, militärischer, wirtschaftlicher Krisenszenarien, die ihr die zeitgemäßen Spielplätze schenken, angemessen abzubilden? Warum lesen Leute - und weiß Gott nicht wenige - die einschlägigen Bücher von Tom Clancy, als dessen Thronerbe Suarez gehandelt wird? Was leistet die Gattung, in der zwischen Michael Crichton und Walter Jon Williams („Deep State“, „This is not a Game“) weit auseinanderstrebende politische Absichten und Perspektiven zu haarsträubenden Plots sowie mal kurzatmigen (bei den Explosionen), mal weitschweifigen (bei den Expositionen) Sätzen gerinnen?

Aus alten Phrasen werden neue

Die gewissermaßen volkspädagogische - und bei einem Riesengeschäft wie diesem zweifellos naive - Antwort wäre, dass der Markt sich hier Mühe gibt, an einer Front Abhilfe zu schaffen, die Karl Kraus beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Erster erblickte, als er erklärte, Gasgranaten, Panzerwagen und Bomben aus der Luft seien nur deshalb möglich, weil die Menschen sich vor lauter altertümelnder Zeitungs-Phraseologie - „das Schwert ziehen“, „Enthauptung“ - moderne Materialschlachten nicht vorstellen könnten. Sonst würden sie ja das ganze „technoromantische Abenteuer“ (Kraus) unterlassen.

An die Stelle der alten Phrasen treten im Technothriller freilich oft bloß neue, modische - bei Suarez wird von einem Soldaten am Bildschirm etwa gesagt, er „glanced up occasionally to gauge the mood of the world“, er „eiche“ also, ganz Technogeschöpf, die Stimmung, statt sie bloß „einzuschätzen“ oder dergleichen -, und mit unbewaffnetem Auge wird nicht einfach hingeschaut, sondern „gescannt“.

Mit Science-Fiction nicht zu verwechseln

Näher an der Wahrheit als die Vermutung, hier werde Literatur genuin sprachschöpferisch auf die Fährte des Allerneuesten geschickt, liegt wohl der Subtext einer Szene in „Kill Decision“, in der ein Wissenschaftler erläutert, dass Automaten, die alles sehen, nutzlos sind, wenn sie es nicht auch verstehen. Sie brauchen, um uns helfen zu können, die Fähigkeit, das Wahrgenommene in eine Erzählung einzufügen, sie müssen konstruieren können, welche künftigen und alternativen Szenarien einer Beobachtung implizit sind. Die Software, die ihnen im Buch dazu verhelfen soll, heißt „Raconteur“, also Erzähler. Ohne dichterischen Anspruch im althergebrachten Sinn sieht sich Suarez wohl als Designer solcher Software und ihrer Unterhaltungsapplikationen für die weichen Rechner in unseren Köpfen.

Mit Science-Fiction darf man derlei nicht verwechseln: Die interessiert sich fürs Technische nur, um begriffliche und phantasmatische Blickwechsel zu erzeugen. Das Machbare ist ihr ein Transformationswerkzeug fürs ständige gierige Wissenwollen. Wissen aber interessiert den Technothriller umgekehrt nur als Fingerzeigressource, die dem Thrillerautor sagt, was heute so alles irre, aber machbar ist.

Der Technothriller formatiert damit Reaktionsweisen von Öffentlichkeiten, die ihre Entmachtung als bürgerliche Souveräne genießen lernen sollen. Die Apparate, die uns besiegt haben, blinken, glitzern und sind so böse, wie erfundene Schurken es nie waren, als sie noch wie Menschen aussehen mussten. Den nächsten Technothriller schreibt vielleicht schon ein Automat von Amazon - ameisenfleißig, effektiv und billig wie eine indonesische Näherin.

David Suarez

Daniel Suarez

Der 1964 geborene amerikanische Software-Entwickler und Systemberater hat „Daemon“, seinen ersten Thriller über ein Katastrophenszenario im Internet, im Jahr 2006 zunächst im Selbstverlag veröffentlicht, ehe der Verlag Dutton sich der Nachauflagen und der Fortsetzung, „Freedom TM“, annahm (die auf Deutsch „Darknet“ heißt ). „Freedom TM“ war ein großer kommerzieller Erfolg. Das neue Buch von Suarez heißt „Kill Decision“ und erzählt von fliegenden maschinellen Killerdrohnen. Es ist soeben auf Englisch erschienen; die deutsche Übersetzung folgt im kommenden Jahr im Rowohlt Verlag, wo auch die älteren Bücher erschienen sind.
 

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