https://www.faz.net/-gqz-7htal

Thomas Pynchons „Bleeding Edge“ : Auf der Flucht vorm Überwachungsstaat

  • -Aktualisiert am

„Hi, I’m Tom Pynchon“: Aus dem Trailer zum Roman „Bleeding Edge“. Bild: The Penguin Press

Ein Roman macht Furore. In den Vereinigten Staaten staunt und streitet, rätselt und mäkelt man über Thomas Pynchons neues Werk „Bleeding Edge“. Ein Überblick.

          4 Min.

          Seine Freunde nennen ihn Sleazus. Sagt der junge Mann, auf dessen T-Shirt geschrieben steht: „Hi, I’m Tom Pynchon“. Sleazus, wird uns gleich erklärt, bedeute „Upper West Side Macher“. (Und was ist mit „sleazy“, schmierig, und dem „-eazus“, das sich anglophonetisch auf Jesus reimt?) Tom bezeichnet sich auch als „King of the Upper West Side“, will allerdings die königliche Rolle nicht offiziell übernehmen, sondern geht sie eher als „Power Player vom Rand“ aus an. Hinter einer lustigen Sonnenbrille versteckt, kauft er fünf bis sechs Stunden lang bei Zabar’s sieben bis zwölf Pfund geräucherten Fisch ein, dazu Käse in der Filiale von Fairway. Von der Anstrengung ruht er sich auf einer Bank im Central Park aus, wo er schließlich den Fisch aus der Verpackung holt und sich ihn über Augen und Stirn legt. Ein natürliches Exfoliant, versichert er. Ende.

          Ende wovon? Ende des Trailers für „Bleeding Edge“, Thomas Pynchons neuen Roman. Mit Trailern hat Pynchon uns auch vorher schon auf seine Geschichten eingestimmt, aber diesmal treibt er den Spaß auf eine schwer zu definierende Spitze. Seltsame Blogger finden das Fünfminutenvideo seltsam, einer von ihnen, Jason Kottke, hält es für „the dummest thing ever“, wenn nicht für brillant. „Absolut der beste Trailer für einen Roman bis dato in der Geschichte der Welt“, heißt das Urteil von keinem Geringeren als William Gibson, dem wir nicht nur das Wort und die Kunde vom „Cyberspace“ verdanken.

          Ob dumm, brillant oder historisch unerreicht - der Trailer ist durchaus aufschlussreich. Der falsche Pynchon darinerwähnt zwar kurz Maxine Tarnow, die detektivisch bewanderte Quasiheldin des Romans, treibt aber seinen Ulk sonst ganz und gar mit dem und um den richtigen Pynchon. Der, wie jeder literaturklatschkundige Leser weiß, ist ja seit dem Tod vom Kollegen Salinger der scheueste, förmlich verschwundenste Autor unseres Zeitalters.

          Daran wird jetzt angesichts der Veröffentlichung von „Bleeding Edge“ wieder einmal erinnert, von keinem ausführlicher als von Boris Kachka, der uns auf der Website des „New York Magazine“ geradezu endlos Einblicke ins geheime und gar nicht so geheime Leben des Schriftstellers gewährt. Nein, gesprochen mit ihm hat auch Kachka nicht, aber zusammengetragen aus unterschiedlich, gleichwohl verlässlich gespeisten Quellen hat er einen wahren Anekdotenschatz. Der sechsundsiebzigjährige Pynchon sei ein literarischer Outsider, der mit einer einflussreichen Literaturagentin, Enkelin eines Verfassungsrichters und Urenkelin eines Präsidenten, verheiratet sei. Ein Stänkerer gegen den Kapitalismus, der seinen Sohn in eine Privatschule geschickt habe und in einer 1,7 Millionen Dollar teuren Sechszimmerwohnung lebe.

          Das Internet als Hauptdarsteller

          Zumindest das Letztere deutet allerdings auf einen für New Yorker Verhältnisse eher gemäßigten Lebenswandel hin. Staunenswert bleibt freilich, wie Pynchon sich derart dauerhaft und geschickt jeder öffentlichen Vereinnahmung zu entziehen versteht, und das im grellsten Scheinwerferlicht. Bis auf ein paar Wortmeldungen in der „New York Times“, ein gelegentliches Dinner mit Don DeLillo, Salman Rushdie und Ian McEwan sowie, seinem Sohn zuliebe, zwei längst legendären Auftritten bei den „Simpsons“, absolviert mit einer Papiertüte über dem Kopf, übt er sich im Verschwundensein.

          Weitere Themen

          In der Vorhölle

          Wiedereröffnung der Kinos : In der Vorhölle

          In Amerika bleiben die Kinos auch weiterhin geschlossen. In Deutschland darf man unter Auflagen wieder in den Saal. Wie geht es einem dabei? Und was heißt das für die Branche?

          Topmeldungen

          Eine Hilfsorganisation bietet in Homestead, Florida, kostenlose Coronatests für Bedürftige an.

          Arbeitslose Amerikaner : Ohne Krankenkasse durch die Pandemie

          Mehr als fünf Millionen Amerikaner haben in den ersten vier Monaten der Corona-Pandemie ihre Krankenversicherung verloren. In Texas oder Florida ist jeder Fünfte nicht versichert. Was passiert, wenn sie an Covid-19 erkranken?

          Kritik an Manchester City : Guardiola attackiert Klopp und Mourinho

          Manchester City erhält doch keine Europapokal-Sperre. Die Kritiker sind entsetzt ob des Urteils. Pep Guardiola geht prompt zur Gegenattacke über – und bekommt wohl ziemlich viel Geld für eine Transferoffensive.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.