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Thomas Hettche : Tauschwert: „Das kalte Herz“

  • Aktualisiert am

Das Grab Wilhlem Hauffs in Stuttgart Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Fleischerhunde und Sonntagskinder und das „Knöcheln“ der Spieler, das den Tod assoziiert: Thomas Hettche über „Das kalte Herz“, das unheimlichste aller Märchen von Wilhelm Hauff.

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          Vor Lieblingsmärchen fürchtet man sich. Hat Angst, weil man mit ihnen nicht zu einem Ende kommt. Meidet die Unendlichkeit, die alles, und auch den Zuhörer, in ihr Spiegelkabinett einzuschließen droht.

          Alle Märchen von Wilhelm Hauff spielen mit diesem Schauer, ob in der Wiederholung des schicksalhaften Verhängnisses, wie sie das „Gespensterschiff“ vorführt, oder in der beklemmenden Ausweglosigkeit, in die Kalif und Großwesir geraten. Das Hauff-Märchen aber, dessen Unheimlichkeit für mich als Kind unübertroffen war, ist „Das kalte Herz“. Fleischerhunde und Sonntagskinder, Uhrmacher und Glasbläser, Flößer und Kohlenbrenner, ein Beschwörungsvers - „reime, dummer Peter, reime“ - und das „Knöcheln“ der Spieler, das den Tod assoziiert.

          So unheimlich wie das Geld

          Eine Geschichte, so unheimlich wie das Geld, das darin seine quecksilbrige Rolle als Katalysator des Glücks ganz unverstellt spielt. Peter Munk, der nach sozialem Aufstieg gierende Köhlersohn, ist ihm ganz und gar, und damit der Macht des Symbolischen, verfallen. Und so verschleudert er erst sein Glück, indem er einem der beiden willfährigen Geister nur Tanzkunst und Geld zum Glücksspiel abbittet, und verkennt anschließend auch noch sich selbst, indem er der Metapher glaubt, sein Herz sei eine Uhr: „Gebt mir den Stein und das Geld, und die Unruh könnet ihr aus dem Gehäuse nehmen!“

          Jedes Handeln in diesem Märchen ist symbolisch und real zugleich. Es folgt darin dem zwittrigen Charakter des Geldes selbst. Im Griff in die Brust, der das Herz herausnimmt, kulminiert diese Obszönität des Tausches. Schaudernd begreift schon das Kind die beinöde Moral, die schließlich die Geschichte beruhigt, als erstarre alles in Aspik: Wer einmal dem Tausch verfallen ist, hat sein Seelenheil verloren. „Peter, schaff dir ein wärmeres Herz!“

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