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Thomas-Bernhard-Biographie : Immerzu hassen ist auch anstrengend

Er wollte Geltung und Geld

Und hätte doch keinen Fuß auf den Boden des Theater- und Literaturbetriebs gebracht, wenn ihm nicht immer wieder Mentoren beigesprungen wären, für deren Einsatz er sich später meist mit Zurückweisung revanchierte. Berühmtestes Beispiel dürfte der Komponist Gerhard Lampersberg sein, dem er Mitte der Fünfziger zu Füßen liegt, um ihn dreißig Jahre später in dem Roman „Holzfällen“ vorzuführen. Dankbarkeit war eine Regung, die Bernhard ungern aufkommen ließ. Er wollte viel lieber Geltung – und Geld. Beides ist ihm gelungen, zum Teil mit schamlosen Erpressertricks gegenüber seinem Verleger Siegfried Unseld, der ihn jahrelang alimentierte. Das hat sich für den Verlag ausgezahlt: Bernhard ist längst eine finanzielle Säule für Suhrkamp.

Mittermayer gebührt das Verdienst, dieses teilweise Jahrzehnte überstehende Beziehungsgeflecht herauszuarbeiten, Familie und wirkliche Freunde von Arbeitspartnern und Teilzeitbekannten zu scheiden, Letztere oft solche, die sich den Schneid abkaufen ließen von Bernhards Brüskierungen und Demütigungen. An herausgehobener Stelle rangiert die wohlhabende Wiener Witwe Hedwig Stavianicek, für die der sechsunddreißig Jahre jüngere Bernhard den Ehrentitel „Lebensmensch“ erfand, dazu die Freunde Wieland Schmied und Nikolaus Reichsgraf von Üxküll-Gyllenband, die Pianistin Ingrid Bülau, die als einzige Frau neben der „Tante“ Hede je in seinem Ohlsdorfer Bauernhof übernachten durfte. Dazu gehören Ingeborg Bachmann, der Regisseur Claus Peymann, die Verleger Wolfgang Schaffler von Residenz und der titanisch geduldige Siegfried Unseld.

Was die Leut so reden

Dazu gehört auch jene Gerda Maleta, die neben Bernhard im Flugzeug mit dem Triebwerksschaden saß. Sie ist Teil des Untersuchungskomplexes, der sich mit Bernhards sexueller Orientierung befasst. Mittermayer fährt eine Reihe von Belegen auf, dass Bernhard weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht gänzlich abgeneigt gewesen sei, handfeste Enthüllungen meidet er.

In dem Ausmaß, in dem sich Bernhard der eigenen Lebensgeschichte bediente, plünderte er auch die seiner Weggefährten und Zeitgenossen. Dies gilt vor allem für seine österreichische Heimat, ein Aspekt, den Mittermayer kaum beachtet. Die Wirtshäuser in Gaspoltshofen, Straßwalchen, Ried im Innkreis, St. Radegund und viele andere mehr dienten ihm ebenso wie die Kaffeehäuser und Restaurants Salzburgs und Wiens als Fundgrube: Bernhard war einer, der nicht nur genau hinschaute, sondern auch hinhörte–- wie und vor allem, was die Leut so reden.

Bernhard-Epigonen gab es bald in rauhen Mengen, und auch jenseits des Atlantiks ist seine Saat bei den besten Autoren ihrer Generation aufgegangen. John Updike, Don DeLillo, William Gaddis und Paul Auster verfielen ihm jeder auf seine Weise. Bernhard ist neben W.G. Sebald und Günter Grass der wohl am besten in der angelsächsischen Welt verankerte deutschsprachige Autor der Nachkriegszeit. Umso kleinlicher wirken die fortdauernden Deutungsgefechte in Österreich.

Das Gift des Spaltpilzes wirkt weiter

Die Erwartungen an diese Biographie waren beträchtlich. Tatsächlich ist sie kein ganz großer Wurf geworden, aber doch einer, mit dem man bis zum Beweis des Gegenteils wird leben können. Manfred Mittermayer beschränkt sich auf 450 Seiten und 960 Fußnoten (die gewöhnungsbedürftig am Kapitelende stehen). Als Interpret ist er zurückhaltend, manchmal schematisch in der Abfolge von Werkvorstellung und Rezeptionsgeschichte, ingesamt zu defensiv. Positiv gewendet, versagt er sich jegliches Abgleiten in den Bernhard-Sound, versucht auch dort Distanz zu halten, wo Bernhard sich größte Mühe gibt, das Diktum Heimito von Doderers einzulösen: „Der Schriftsteller ist ein ekelhafter Kerl.“

Das Nachleben Bernhards streift Mittermayer nur auf einer halben Seite. Das lässt dessen Präzeptoren nicht ruhen: Raimund Fellinger, bei Suhrkamp auch für die Werkausgabe zuständig, hat es sich nicht nehmen lassen, die Biographie in der Wiener Literaturzeitschrift „Volltext“ als „bemerkenswert unbemerkenswert“ abzuqualifizieren. Und so wirkt auch sechsundzwanzig Jahre nach seinem Tod das Gift des Spaltpilzes namens Thomas Bernhard weiter. Und sein Werk sowieso.

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