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Thesen zur Poesie : Windstille in Dunkelland

  • Aktualisiert am

Inventur: Michael Lentz Bild: APA

Wo ist der neue Ernst Jandl? Ist Eminem der Retter der Lyrik? Machen Neue Medien auch Neue Poesie? Der Schriftsteller Michael Lentz formuliert zehn Thesen zum Zustand der deutschsprachigen Dichtung.

          4 Min.

          Der Beginn eines neuen Jahres ist die Zeit der Inventur, der Sichtung der Bestände. Michael Lentz, Schriftsteller, Musiker, Lautpoet, schreitet die Regalreihen der deutschsprachigen Dichtung ab und unterzieht die aktuellen Trends einer kritischen Musterung. Der 1964 geborene, in Berlin lebende Autor veröffentlichte zuletzt den Roman „Liebeserklärung“ und den Lyrikband „Aller Ding“ (2003). (F.A.Z.)

          Von Michael Lentz

          Nur wenn ich O, S, E, P, E, I in die richtige Reihenfolge bringe, entsteht „Poesie“. Poesie entsteht nicht dadurch, daß ich etwas in die richtige Reihenfolge bringe. Richtungweisend ist die Reihenfolge allemal. Welche Richtung weist uns die Poesie?

          I. Nach wie vor gibt es Dichter und Dichterinnen, wohin das Auge sieht. Das ist beruhigend. Und wunderbar. Die siebziger und achtziger Jahrgänge sorgen für Nachschub. Eine Generation jagt die nächste. Bald gehören Gleichaltrige verschiedenen Generationen an. Je jünger, desto mehr ist „Tradition“ ein Fremdwort. Neulich äußerte ein dreizehnjähriger Dichter gegenüber seinem vierzehnjährigen Kollegen: „Toll, daß ich von dir noch lernen kann.“

          II. Die deutschsprachige Poesie hat zurückgefunden zu einer konkreten Anschaulichkeit. Diese findet ihren Ausdruck in oft nachhaltigen Bildern. Trotzdem macht diese Anschaulichkeit nicht satt. Es ist ein Anschauen alter Postkarten. Es scheint an Sprachüberraschungen, an verqueren Inhalten zu fehlen. Die ältesten und älteren Semester frischen - oft versetzt mit einem Schuß Mythologischem - ihre letzten Kriegserinnerungen auf, die jüngeren und jüngsten entdecken ihren Laufstall als Kriegsschauplatz. Dazwischen viel Betulichkeit - und Meisterschaft.

          Was aber heißt hier „zurückgefunden“? Ist das Zurückfinden das Neue? Recycling statt Experiment? Im Kontext von zehn experimentellen poetischen Texten wirkt ein Goethe als einziger experimentell.

          Auch die Anverwandlung neuer Medien im Kontext der Poesie findet ausstellend und problematisierend zu Zwangstraditionalismen zurück: Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung und dem Grenzspiel mit diesen unhintergehbaren Bewußtseins- und Erkenntnismodi.

          Als die große Erinnerin hat Poesie nie ihre Krone verloren.

          Neue Formen zu finden scheint dabei eine zentrale Aufgabe geblieben zu sein. Nicht die inhaltliche Disposition bürgt hier für Authentizität, sondern die scharfsinnige Lösung formaler Problemstellungen.

          III. Gesellschaftliche Entwicklungsprozesse finden ihren Reflex in der Poesie, konservative und avancierte Grenzpositionen werden radikaler formuliert - bei einem deutlichen Schwund avancierter Positionen. Wo sind die neuen Experimentellen? In Österreich? Schläft die Schweiz den poetischen Schlaf der Selbstgenügsamen? Wo sind die neuen Lautpoeten? Sind ihnen die Laute ausgegangen? Herrscht Verstummung?

          Der Rap und seine Helfershelfer haben - viel mehr noch als früher der Scat-Gesang - der Lautpoesie eine Frischzellenkur verpaßt. Eminem ist auch ein bedeutender Lautpoet. Ist aber Rap so neu? Nein. Das gab es schon vor hundert Jahren. Im übrigen haben die Disputationsquallen und Sachwalter des Alten und Neuen, die in jedem Neuen schon abwinkend und ohne Ansehung das ganz Alte wittern, in Sachen Poesie kein Wörtchen mitzureden. Die Sache der Poesie ist von zuviel Bürokratismus durchsetzt. Und leider werden die Dichter und Dichterinnen der neuesten Neuzeit immer mehr zu Fondsvertretern und Modedesignern.

          Was - auf der anderen Seite - wollen die Neukonservativen? Besonders in den jüngeren Jahrgängen herrscht eine Ich-mach-jetzt-mal-eine-Inventur-meines-unmittelbaren-Wohnzimmers-Mentalität, gepaart mit einem sachten Blick über den angrenzenden See. Es herrscht das Stilleben. Melancholie rechtfertigt sich allein schon aus dem Befund, daß die eigene Windel ein Massenprodukt ist. Manche Erzeugnisse lesen sich so, als habe die jüngere und jüngste Generation den Zweiten Weltkrieg selbst erlebt oder als trete man an, die Archive der Großväter zu korrigieren. Die mittlere Generation meißelt wieder in Stein. Sprachlich herrscht Befriedung. Der anvisierte Genus grande, der hochgetriebene Tonfall täuscht Kumpanei mit der Antike vor, kann aber nur mühsam Snobismus kaschieren. Eine hochgekonnte Abwendung vom Hier und Jetzt. Blasebalg und Totenmaske.

          IV. Peter Rühmkorf titelte „Strömungslehre“. Keine Strömungen derzeit, höchstens Brisen und Rettungsschwimmer, kein Arschloch der Jahrtausendwende. Es herrscht weitgehend eine Bravheit, daß die Verdauungsorgane ihre Tätigkeit einstellen sollten.

          V. Reinhard Priessnitz tot, Uwe Gressmann früh verstorben und fast vergessen, und wer kennt noch Richard Leising, Karl Mickel tot, Ernst Jandl tot, Helga M. Novak in großer Bedrängnis, Uwe Dick partiell genial, aber zuwenig gelesen - für die Ausrufung eines poetischen Notstands würde das allemal reichen. Es verhält sich mit der deutschsprachigen Poesie wie mit dem bundesdeutschen Fußball: An Torhütern mangelt es nie.

          Nach Ernst Jandl gibt es keinen Ernst Jandl mehr. Warum eigentlich nicht? War Jandl doch Goethe? Hinterlassenschaft ist Bürde. Tun wir also so, als hätte es ihn nie gegeben.

          VI. Dunkeldeutschland wird nicht heller. Die Poesie macht eine Bestandsaufnahme - bloß von sich selbst? Gedichte sind Mentalitätsarchive. In Deutschland handeln sie entweder von Sprache und Ich - oder von Deutschland. Das politische Gedicht ist allegorisch, janusköpfig mit deutlich übergewichtigem Rückbezug, heiter-melancholisch, paradoxal-resigniert, altbacken-nachtapothekig, richtungslos und ohne Heimat, und in den neuen Bundesländern immer noch mehr zu Hause als in den alten. Kurz: keine Radikalisierung in Sicht.

          VII. Die sogenannte Wiedervereinigung hat den Dichtern und Dichterinnen aus der ehemaligen DDR ihren autonomen Furor genommen. Es ist eine benommene Art von Reprisenpoesie entstanden: Ich - damals.

          VIII. Im Westen nichts Neues. Außer Neuen Medien. Ein Neues Medium macht keine Neue Poesie. Und ist auch längst nicht mehr westspezifisch. Beachte aber: Der frühe Vogel fängt den Wurm. Will heißen: Die Pioniertat liefert oft genug das schlüssigste Ergebnis. Es gilt also, neue Konzepte auszubrüten. Und gewiß ist auch, am Ende lesen wir am liebsten das herkömmliche Gedicht, gedruckt in ganz ganz alten Worten.

          IX. Die deutschsprachige Poesie ist derzeit die international Bedeutsamste. Allein schon Friederike Mayröcker zu nennen genügt. Beweis: Es gibt keine Gegenbeweise.

          X. Jede Bestandsaufnahme dieser Art will morgen überholt sein.

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