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Theorie der Kontinentaldrift : Der Weltbildzertrümmerer

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Ein Pionier nicht nur der Polarforschung: Alfred Wegener in seinem Todesjahr 1930 auf einer Grönland-Expedition Bild: dpa

Dieser Mann sagte vor hundert Jahren, der Boden unter unseren Füßen sei nicht fest - und wurde dafür verlacht: Die bittere Geschichte des Alfred Wegener.

          Vor hundert Jahren, am 6.Januar 1912, trat in Frankfurt ein Mann vor die Jahreshauptversammlung der Geologischen Vereinigung, dessen Namen kaum einer der anwesenden Erdwissenschaftler kannte. Alfred Wegener war 31 Jahre alt, ein Niemand. Das Schlimmste: Er war fachfremd. Aufgewachsen in einem protestantischen Pfarrhaus in Berlin, hatte er früh eine Neigung zur Wetterkunde entwickelt. Zwei Jahre hatte er damit zugebracht, auf Grönland Drachen steigen zu lassen, um die Schichtungen der Atmosphäre zu erforschen. Nun lebte er als Privatdozent für Meteorologie, praktische Astronomie und kosmische Physik in Marburg. In seiner Freizeit unternahm er ausgedehnte Fahrten im Freiballon.

          Wolken, Eis, Himmelfahrt und Gestirne! Und so einer wollte die harte Welt der Geologie erschüttern? Die im Hörsaal der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft versammelten Kapazitäten nahmen den Titel von Wegeners Gastvortrag eher amüsiert zur Kenntnis: „Neue Ideen über die Herausbildung der Großformen der Erdrinde“. Dabei standen die Grundlagen ihres Faches ebenso fest wie die Kontinente: Die Lehre des Fixismus galt als unverrückbar. Danach war die äußere Gestalt der Erde starr, das Muster von Festland und Meeren unveränderlich. Berge und Täler hatten sich durch allmähliches Einschrumpeln des Erdballs gebildet - vergleichbar einem alten Apfel. Wegener ahnte, dass diese Frucht nicht am Baum der Erkenntnis gereift war.

          Schon früher hatte es Zweifel an der Festigkeit der Welt gegeben. Bereits Humboldt war die Übereinstimmung der atlantischen Küsten Afrikas und Südamerikas aufgefallen. Und auch Wegener führte die Ähnlichkeit, die noch heute jedem Schulkind am Globus ins Auge springt, als Argument an: „Nicht allein der große rechtwinklige Knick, den die brasilianische Küste bei Kap San Roque erfährt, findet sein getreues Negativ in dem afrikanischen Küstenknick bei Kamerun, sondern auch südlich dieser beiden Punkte entspricht jedem Vorsprung auf brasilianischer Seite eine gleichgeformte Bucht auf afrikanischer, und umgekehrt jeder Bucht auf brasilianischer ein Vorsprung auf afrikanischer Seite.“ Die Vertreter der alten Lehre taten es als Zufall ab.

          Alfred Wegener (1880 bis 1930) erkannte, dass die Kontinente im Erdaltertum noch eine Einheit bildeten...

          Ein weiterer erstaunlicher Befund kam aus der Paläozoologie. An gegenüberliegenden Küsten der Weltmeere waren Fossilien verwandter Arten gefunden worden, die niemals einen Ozean schwimmend hätten überqueren können. Mit dieser Tatsache konfrontiert, war das geologische Establishment auf einen Trick verfallen: Es postulierte die Existenz früherer Landbrücken zwischen den Kontinenten, die nach erfolgtem Austausch der Arten versunken seien.

          Die Vorstellung versinkender Landbrücken klingt heute unvorstellbar und hergeholt, nach einer Mischung aus Atlantis und Lummerland. Unweigerlich stellt man sich vor, wie die Tiere vor dem stürmischen Untergang noch rasch hinüberhoppeln - am besten paarweise, in Zweierreihen, wie Gottes frisch geschöpfte Kreaturen beim Betreten der Arche. All das erinnert an andere verzweifelte Versuche, haltlose Ideologeme zu retten: die Planetenschleifen des Ptolemäus, den Äther, den antifaschistischen Schutzwall. Tatsächlich aber verbindet noch heute die Landenge von Panama die beiden Amerikas und ermöglicht so den Austausch von Arten.

          Das wusste Wegener. Daher versuchte er seine Kritiker im Auditorium mit ihren eigenen Waffen zu schlagen: Das stärkste Argument seines Vortrags war der Nachweis, dass das leichtere Gestein solcher Landbrücken im anerkannt schwereren Untergrund der Ozeanböden niemals versinken könnte. Sie müssten darauf schwimmen wie Eisschollen im Polarmeer.

          ...später zerbrachen...

          Damit aber nicht genug: Wegener führte an, dass Erdbeben nicht gleichmäßig auftreten, sondern mit einer Häufung an den Küsten. Er war auf Berichte von Diamantadern gestoßen, die der Atlantik einfach unterbrach. Schleifspuren von Gletschern bildeten beiderseits des Ozeans ein zusammenhängendes Muster. Gegenüberliegende Ufer wurden von Schnecken und Regenwürmern bevölkert, denen der Weg über eine Landbrücke kaum zuzutrauen war. Noch viel weniger einem Farn, der außer an weit entfernten Küsten nirgendwo auf der Welt gedieh.

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