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Adorno über Rechtsradikalismus : Die Kraft der Vernunft

„Mit dem Wort des Antizipierens des Schreckens glaube ich nun wirklich etwas sehr Zentrales berührt zu haben“: Theodor W. Adorno (links daneben: Heinrich Böll) beim Hessischen Rundfunk, 1968. Bild: Picture-Alliance

Überraschender Neuzugang auf den Bestsellerlisten: Mehr als fünfzig Jahre nach seinem mündlichen Vortrag erscheint ein Text Theodor W. Adornos über Rechtsradikalismus.

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          Wie neu die (jeweils) neue extreme Rechte ist, darüber ist nicht leicht Einverständnis zu erzielen. Haben ihre Vertreter tatsächlich einige alte ideologische Bestände verabschiedet? Oder sind die nur camoufliert unter neuen Slogans und modernisierten Selbstdarstellungen, herabgestimmt zu Untertönen, die sich doch jederzeit – gerne von den „radikalen“ Flügeln der Parteien und Bewegungen – zum Zweck der lauten Provokation verwenden lassen? Oder grundsätzlicher: Gilt es auf unveränderliche Kernelemente zu achten – auf die Gefahr hin, von historischen Ausprägungen abgelenkt zu werden –, oder gerade die Wandlungen der programmatischen Slogans und polemischen Ausrichtungen genau im Blick zu haben?

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass diese Alternative keine ist, kann man einem Text entnehmen, der nun nach mehr als fünfzig Jahren zum ersten Mal erschienen ist. Theodor W. Adorno hatte 1967 versucht, Wiener Zuhörern – eingeladen hatte der Sozialistische Studentenbund – den seinerzeit neuen Rechtsradikalismus in Deutschland, nämlich den Aufschwung der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands zu erklären, die es ein Jahr später auf Delegierte in sieben Landesparlamenten bringen sollte. Die Transkription des Mitschnitts dieses Vortrags über „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“, liegt nun als schmales Bändchen bei Suhrkamp vor.

          Die „Narben der Demokratie“

          Natürlich geht diese Veröffentlichung mit dem Verweis einher, dass Adornos Vortrag sich auf die aktuelle neue Rechte beziehen lässt, sogar eine „Flaschenpost an die Zukunft“ sei. Adorno zielte im Sinne der Aufmerksamkeit für rechtsextreme Kernbestände jedenfalls tief. Er hielt fest an seiner Ansicht, dass die „gesellschaftlichen Voraussetzungen des Faschismus nach wie vor fortbestehen“, wofür er „die Konzentrationstendenz des Kapitals“ haftbar machte, welche zur Folge habe, dass die demokratische Verfassung der Gesellschaft eine formale Angelegenheit geblieben sei: „Die faschistischen Bewegungen könnte man in diesem Sinn als die Wundmale, als die Narben einer Demokratie bezeichnen, die ihrem eigenen Begriff eben doch bis heute nicht voll gerecht wird.“

          Aber so allgemein blieb Adorno dann nicht. War einmal nachdrücklich markiert, dass rechtsextreme Tendenzen objektive Verhältnisse zum Ausdruck bringen, ließen sich daraus resultierende Befindlichkeiten und Taktiken konkreter durchgehen: Etwa die Abstiegsangst von Schichten, die „ihrem subjektiven Klassenbewusstsein nach durchaus bürgerlich waren“; eine Krisenangst, die mit der ökonomischen Prosperität nicht korreliert, sondern die mögliche Krise vielmehr fast herbeiwünscht; die propagandistischen Machttechniken, die an die Stelle ausweisbarer Programmatik treten und so die charakteristische Verknüpfung von rationalen Mitteln und irrationalen Zwecken stabilisieren, wobei letztere die ganz realen Dominanzansprüche überdecken; ein „angedrehter“, angesichts der realen politischen Weltverhältnisse nachgerade gespenstisch anmutender Nationalismus – zu dessen Voraussetzungen gehört, dass die wirtschaftliche Prosperität das Trauma von 1945 überdeckte –; schließlich die psychologische Anbindung der gesellschaftlichen Syndrome an den „autoritätsgebundenen Charakter“, wie ihn das Frankfurter Institut für Sozialforschung in seinen Studien herauspräpariert hatte.

          Wer hat Angst vor dem Osten?

          Gilt nun also mit Blick auf ein solches Bündel von Erklärungen, dass man Adornos Text nachgerade wie auf heutige Konstellationen gemünzt verstehen kann? Dass er etwas an ihnen trifft – dabei unmöglich alles treffen kann –, ist nicht zu bezweifeln, selbst wenn damit kaum unerwartete, erst wieder zu revitalisierende Diagnosen verknüpft sind (es sei denn, man hält wie Volker Weiß in seinem Nachwort die einschlägigen sozialpsychologische Analysen, die Adorno und das Frankfurter Institut entwickelten, gerade für einen solchen zu hebenden Bestand.)

          Im Kontrast zu einer auf „Aktualität“ gepolten Lesart ist es da mitunter fast interessanter, sich an jene Momente zu halten, in denen gleich klar wird, dass Adorno eben noch andere Ausprägungen vor sich hatte. Wenn etwa auf eine Angst vor dem Osten hingewiesen wird, auf Antiamerikanismus oder auf den Umstand, dass man rechts auch einmal die europäische Integration usurpieren wollte, selbst wenn sich dann die Karte „Nationalismus“ als stärker erwies. Und selbst in Adornos Rat, insbesondere Jugendliche von ihren rechtsextremen Neigungen abzubringen, indem man ihnen vor Augen hält, welche fatalen Konsequenzen die von ihnen gutgeheißenen Ideologeme für ihre eigenen Handlungs- und Freiheitsspielräume letztlich hätten, meint man eine Gestalt des Rechtsextremismus auszumachen, die mittlerweile überformt, auch diffuser geworden ist.

          Dass man dem als reales politisches Problem erkannten Rechtsradikalismus, abgesehen vom Kampf mit politischen Mitteln, „in seiner eigensten Domäne sich stellen müsse“, aber nicht in cleverer Konkurrenz mit dessen propagandistischen Winkelzügen, „sondern nun wirklich mit einer durchschlagenden Kraft der Vernunft“, mit dieser Bemerkung schloss Adorno 1967. Ob das dann schon zur Arbeit daran zählen sollte, Demokratie ihrem Begriff „voll gerecht“ werden zu lassen, darüber durften damals die Zuhörer und können heute die Leser sinnieren.

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