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Literatur-Auszeichnungen : Ein politisch korrekter Nobelpreis?

Die Schwedische Akademie in Stockholm Bild: dpa

Gleich zwei Nobelpreise für Literatur vergibt die Schwedische Akademie in diesem Jahr. Das hat Folgen: Die geographische und ethnische Verteilung wird jeweils argwöhnischer Prüfung unterworfen sein.

          3 Min.

          Als im vergangenen Jahr ruchbar wurde, dass es im Umfeld der Schwedischen Akademie, deren regulär achtzehn Mitglieder den Literaturnobelpreis vergeben, sexuelle Übergriffe und jahrelange Indiskretionen vor der Bekanntgabe der Gewinner gegeben hatte, war auch der Geist dieser wichtigsten Auszeichnung auf dem Feld der Belletristik verletzt. „Das Herausragendste in idealistischer Richtung“ – so lautet der vom Stifter Alfred Nobel in seinem Testament festgelegte Anspruch an die Träger des Literaturnobelpreises, und nun kamen ausgerechnet diejenigen, die darüber zu urteilen hatten, in den Ruch, das Niederträchtigste in idealistischer Richtung zumindest geduldet zu haben. Konsequenterweise wurde vor der notwendigen Selbstreinigung der Akademie die Vergabe des Preises für das Jahr 2018 ausgesetzt. Wie hätte jemand ihn damals auch annehmen können?

          Seitdem haben sich die umstrittenen Mitglieder ebenso zurückgezogen wie ihre schärfsten Kritiker, und die Akademie hat sieben neue von der Affäre unbelastete Mitglieder gewählt, von denen allerdings keines in das eigens neugeschaffene Vergabekomitee aufgenommen wurde. Dort finden sich aktuell neben vier Altakademikern fünf externe schwedische Literaturexperten. Und diese neun Personen – gerade einmal die Hälfte der früher üblichen Zahl – wählen nun gleich zwei Literaturnobelpreisträger, einen davon nachträglich für das Jahr 2018. Beide Gewinner werden am Donnerstag dieser Woche um 13 Uhr verkündet.

          Mit der nachgeholten Vergabe wird eine Lücke in der Preisträgerliste geschlossen. Es war allerdings keineswegs die einzige. Seit dem ersten Literaturnobelpreis im Jahr 1901 gab es sieben weitere Jahre ohne Gewinner – 1914, 1918, 1940, 1941, 1942 und 1943 herrschte Krieg, und 1935 konnten sich die Akademiemitglieder nicht auf einen Autor einigen. Es gab also gar keinen Zwang zur Nachvergabe, aber in Stockholm wird argumentiert, dass nicht die Literatur unter dem Fehlverhalten der Akademie leiden solle. Wer allerdings leiden wird, sind die beiden Preisträger: an notgedrungen geteilter Aufmerksamkeit und mehr noch daran, dass diese Aufmerksamkeit Aspekten gelten wird, die mit der Qualität ihrer jeweiligen Werke wenig zu tun haben dürften.

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          Eine unangenehme Frage ist dabei sogar noch werkimmanent zu stellen: Wird der Literaturnobelpreis für das Jahr 2018 nicht buchstäblich als einer von gestern empfunden? Auf die Deutung der unvermeidlichen zeitlichen Hierarchie zwischen den beiden Gewinnern darf man jedenfalls gespannt sein. Es handelt sich diesmal ja nicht um eine Doppelvergabe, wie es sie auch viermal in der Geschichte des Preises gegeben hat: 1904 an den Franzosen Frédéric Mistral und den Spanier José Echegaray, 1917 an die beiden Dänen Karl Gjellerup und Henrik Pontoppidan, 1966 an zwei explizit als jüdische Schriftsteller ausgezeichnete Autoren, nämlich den auf Hebräisch schreibenden Israeli Samuel Agnon und die deutsche Dichterin Nelly Sachs, sowie 1974 an die Schweden Eyvind Johnson und Harry Martinson. Man kann übrigens nicht behaupten, dass die geteilten Ehrungen dazu beigetragen hätten, diese acht Preisträger dauerhaft im Gedächtnis eines internationalen Publikums zu verankern. Schon den Jurys fehlte es in ihren Fällen ja erkennbar an Entscheidungsfreude.

          Ein Jahr mit zwei vollwertigen Literaturnobelpreisen gab es allerdings schon einmal: 1928, nachdem die Auszeichnung zuvor mehrmals rückwirkend verliehen worden war. Das wollte man korrigieren, weshalb am 10.Dezember 1928 (Nobels Geburtstag) als aktuelle Gewinnerin die Norwegerin Sigrid Undset und als Preisträger fürs Vorjahr der Franzose Henri Bergson zusammen geehrt wurden.

          Damals erfolgte also noch ohne jeden öffentlichen Druck, was diesmal Gegenstand genauester Beobachtung sein wird: die „gerechte“ Verteilung der beiden Preise, seinerzeit auf eine Frau und einen Mann. Mit dieser Kombination wäre heute aber nur die öffentliche Minimalerwartung erfüllt: Die geographische und ethnische Verteilung der beiden Literaturnobelpreise wird jeweils argwöhnischer Prüfung unterworfen sein. Das Vergabekomitee weiß, dass zwei Gewinner vom selben Kontinent, ja selbst aus einer wie auch immer verstandenen, bislang als dominierend angesehenen Traditionslinie („westliche“ oder „weiße“ Literatur) nur neue Kritik an der Institution des Literaturnobelpreises hervorrufen würden. Im Zuge der MeToo-Bewegung ist er ins Kreuzfeuer geraten, nun wird er für die Advokaten jeglicher Art von politischer Korrektheit zum gefundenen Fressen.

          Auf der Strecke bleibt dabei das, worum es eigentlich gehen müsste: die literarische Qualität („das Herausragendste“) eines humanistisch relevanten Stoffs („in idealistischer Richtung“). Für die individuellen Grundlagen beider Faktoren haben Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft oder Bildungsweg der jeweiligen Autoren zweifellos Bedeutung, doch zu bewerten sind die Resultate: ihre Bücher. Man darf gespannt sein, ob sich das Vergabekomitee des Literaturnobelpreises dieser Aufgabe gewachsen zeigt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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