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Zwei Bücher über Füchse : Das eingebildete Tier

„Charlotte Rampling, a Fox, and a Plate No.15, London 2016“ Bild: Juergen Teller

Wie können Mensch und Tier konfliktfrei zusammenleben? Katrin Schumacher und Adele Brand haben Bücher über Füchse geschrieben – und darüber, was Menschen von ihnen lernen können.

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          „Stellen wir uns einen Fuchs vor“, so beginnt die britische Autorin Adele Brand ihr Buch. Und macht mit diesem ersten Satz klar, worum es ihr auf den zweihundert Seiten danach immer wieder gehen wird: Um das zentrale Dilemma im Zusammenleben von Mensch und Tier. Der Mensch stellt sich nämlich unter einem Tier etwas vor. Er kann das, weil er längst ein Bild von ihm hat. Aber was, wenn das Tier sich dann nicht daran hält? Nachts in Gärten nach Hundefutter sucht? Und samstagnachmittags zur Rushhour die Berliner Friedrichstraße entlangläuft, statt im Maussprung über die Felder zu jagen?

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wir müssen uns den Fuchs aber als einen Fuchs vorstellen. Als ein Wesen nach eigenen Regeln. Das ist – auch um Kontakte und Konflikte zwischen Mensch und Tier im Zeitalter der Flächenversiegelung und des urban sprawl besser zu moderieren – eine Frage des sozialen Friedens geworden.

          Gleich zwei neue Bücher widmen sich in diesem Frühling dem Bild, das sich der Mensch vom Fuchs macht – und dem Fuchs selbst. Denn das ist nicht das Gleiche. Es unterscheidet sich sogar oft fundamental. Das erste der beiden Bücher, „Füchse – Unsere wilden Nachbarn“, hat also die Naturbloggerin Adele Brand aus einer wildbiologischen und vor allem britischen Sicht auf den Fuchs geschrieben. Das zweite, „Füchse – ein Portrait“ der Radiojournalistin Katrin Schumacher, ist die neueste Folge der schönen „Naturkunden“-Reihe bei Matthes & Seitz und geht stärker kulturwissenschaftlich vor.

          Mediatorin zwischen Fuchs und Mensch

          Adele Brand möchte in ihrem Buch wie auf ihrem Blog als „Mediatorin zu einem friedlichen Miteinander“ zwischen Fuchs und Mensch beitragen, wie sie schreibt. Katrin Schumacher wiederum fragt sich, wie der Fuchs zum „ausgemachten Tier der Stunde“ werden konnte. Wobei der große Reiz ihres schmalen Bandes auch darin besteht, den Fuchs dazu überhaupt erst zu erklären.

          Warum also gerade jetzt: der Fuchs? In gleich zwei Büchern in Verlagen mit geisteswissenschaftlichem Renommee? Einmal weil der Fuchs sichtbarer geworden ist, fern des Waldes und der Felder. Was vor allem daran liegt, dass sich der Mensch immer weiter in seine Reviere hineinbaut.

          Aber vielleicht liegt es auch daran, dass sich die Wahrnehmung des Menschen für seine natürliche Umgebung und seine schicksalshafte Rolle darin ganz allgemein geschärft hat: Der mit Nachdruck seit einiger Zeit in Umlauf gebrachte Begriff des „Anthropozän“ als Zeitalter menschlicher Dominanz spricht dafür, ebenso der Hype um Bücher und Filme über Bäume und Wälder. An diesem Wochenende, nur das neueste Indiz, feierte in Berlin das „Theater des Anthropozän“ Premiere, eine Idee unter anderem der Humboldt-Universität und des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung.

          „Wechseltier“ statt „Rudeltier“: Das attestierte der schottische Biologe David Macdonald dem Fuchs.

          Katrin Schumacher schaut in ihrem Band aber nicht nur auf die ökologischen, sondern vor allem auf die symbolischen Verhältnisse zwischen Mensch und Tier. Der Fuchs, schreibt sie, „scheint einen ziemlich guten Protagonisten für unsere dekonstruierte und hyperkomplexe Postmoderne abzugeben. Der Fuchs entzieht sich permanent seiner Eindeutigkeit. In all seiner Niedlichkeit oder Schönheit lässt er immer auch ein Gegenteil aufblitzen.“

          Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, durchwandert Schumacher die jahrtausendealte, weltumspannende Motivgeschichte des Fuchses: ein erotisches, verschlagenes Wesen von „ikonischer Schläue“, welches durch Legenden und Fabeln schnürt – wie die Gangart des Fuchses genannt wird. Und das sogar lesen kann. Und zwar sich selbst wie in Gottfried Lichtwers denkwürdiger Fabel von 1777: Da blättert der Fuchs durch das mittelalterliche Epos vom „Reineke Fuchs“ (in dem die anderen Tiere des Waldes ihm den Prozess machen) und wird immer wütender: So viele Lügen über Heimtücke und Trickserei, das kann doch nicht stimmen. „Ich war’s nicht!“, ruft der Fuchs – was schon irgendwie nach Max Frisch klingt, jedenfalls nach einem selbstreflexivem Bewusstsein, das „eigenes Bild und Fremdbild“ miteinander vergleicht. (In Franziska Biermanns Kinderbuch-Variante, „Herr Fuchs mag Bücher!“, liest der Fuchs übrigens die Bücher erst und frisst sie dann konsequenterweise auf. Er ist halt kein Kostverächter, auch wenn ihm Erdmäuse am liebsten sind.)

          Der Fuchs als „Kippfigur“ (Schumacher) schwer totzukriegen, schwer zu kalkulieren: Lange galt er als Einzelgänger. Bis der schottische Biologe David Macdonald vor dreißig Jahren dieses Bild für immer veränderte, indem er nachwies, dass der Fuchs ein „Wechseltier“ ist: Je nach dem, wie es passt, lebt er im Rudel, oder eben nicht. „Der Fuchs ist nicht kein Rudeltier“, schreibt Schumacher – und diese verschraubt-komplexe Formel passt nicht nur zum Fuchs, sie ist auch eine Referenz: auf „Füchse“, einen Track der deutschen Hiphop-Crew Absolute Beginner aus dem Jahr 1998. „Jede Nacht, jeden Tag auf der Jagd / denn das Rudel tollt / Wenn der Rubel rollt“, rappen die darauf – bis am Ende ein Jäger anruft, um sich zu beschweren: „Ich wollt mal sagen: Füchse sind gar keine Rudeltiere“. Ja, egal, antwortet Jan Delay, „der rhyme is fett, der rhyme is fett“. (Das ist typisch für das cool-versierte Quellenmaterial auch dieser „Naturkunden“, die sich auf Juergen-Teller-Fotografien und Wes Andersons Film „Fantastic Mr. Fox“ genauso beziehen wie auf Goethe, den Nachdichter des „Reineke Fuchs“, der sich in Weimar einen verschachtelten Fuchsbau an den Frauenplan gebaut hatte.)

          Einzelfälle verzerren Wahrnehmung

          Egal, der Rhyme is fett: alles Mögliche über den Fuchs zu behaupten, ihm sogar zu unterstellen, dass er es auf Babys abgesehen hat – Adele Brand geht in ihrem Fuchs-Buch auch auf die jüngsten Konflikte und Kollisionen zwischen Mensch und Fuchs ein. Ihr Buch ist stark von britischen Verhältnissen geprägt, wo eine rücksichtslose Boulevardpresse Einzelfälle (ein Fuchs, der im Juni 2010 in Stoke Newington zwei Säuglinge biss) zu monströsen Bedrohungsszenarien verzerrt hat. Wo das Verbot der rituellen Fuchsjagd seit fast zwanzig Jahren als Klassenkampf weiter schwelt. Weswegen die studierte Biologin Brand zwar den Fuchs auch anschwärmt, aber keine Geduld hat, ihn zu überhöhen.

          Dafür ist der Konflikt in ihrer Heimat zu scharf. Brand schreibt nicht nur über Füchse, sie zieht auch verwaiste Welpen auf, studiert die Tiere in freier Natur – und ihrem engagierten Buch ist der fast verzweifelte Wunsch anzumerken, eine hocherhitzte Debatte über den Raum, den man Wildtieren lassen muss, auszukühlen. Der Wunsch, die Menschen dazu zu bringen, den Fuchs zu verstehen. Ohne ihn dabei zu vermenschlichen, um ihn überhaupt verstehen zu können. Das höchste Ziel ist: Toleranz und Respekt.

          Aber das heißt nicht, dass Brand den Fuchs nicht auch deutet. Ihm „Lebensfreude“ andichtet oder Namen gibt. „Füchse sind paradox – zugleich unabhängig und aufeinander bezogen“, schreibt sie. „Zum Wesen von Füchsen gehört beides, Sozialität und Konflikt.“ Damit ist sie nicht weit weg von Schumachers Bild der „Kippfigur“, nur arbeitet sie die Komplexität dieses Tiers mit anderen Mitteln heraus, nicht mit denen intellektueller Kontemplation wie Schumacher. Sie kommt aber zu einem ähnlichen Ergebnis: „Anpassungsfähigkeit. Das ist die eigentliche Gabe der Füchse.“

          Wie stellt sich der Fuchs den Mensch vor? Gar nicht, erklärt Brand, „wir überschätzen unsere Bedeutung für Füchse“. Um dann aber doch über ihn zu spekulieren und in seinen Kopf zu kriechen: „Als Nachbarn“, schreibt sie, „tragen wir für den Fuchs ,ein doppeltes Gesicht‘.“ Wir sind die einzigen Wesen in der freien Wildbahn, die dem Fuchs nach dem Leben trachten – und ihm zugleich Schutz und Heilung bringen. Kippfiguren, die sich in der Nacht begegnen. Oder gar nicht, oder samstagnachmittags, mitten in der Stadt.

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