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Longlist zum Buchpreis : Zwanzig Mal Hoffnung

Sieben Leser, eine Aufgabe: Christine Lötscher (l.), Paul Jandl, Marianne Sax, Christoph Bartmann, Tanja Graf, Uwe Kalkowski und Luzia Braun bilden die Jury des Deutschen Buchpreises 2018. Bild: Monique Wüstenhagen

Ohne Überraschungen geht es nicht: Zwanzig Romane stehen auf der Longlist zum diesjährigen Deutschen Buchpreis. Welche Bücher sind nominiert – und welche nicht?

          Longlist zum Deutschen Buchpreis: Das heißt Kaffeesatzlesen betreffs der späteren Shortlist oder gar des letztlichen Siegers und Mutmaßungen über die Kriterien der Auswahl (zwanzig Nominierte aus knapp zweihundert Einreichungen). Da wohl außer den sieben Juroren niemand alle zwanzig Romane schon gelesen hat – sechs von ihnen sind noch gar nicht erhältlich –, kann man eh kein Spontanurteil fällen, das auf mehr begründet wäre als einzelne Lektüren und die statistischen Daten der Auswahl. Diese deshalb vorab: Elf Titel aus dem Frühjahr 2018, der Rest aus dem Herbst (einmal nicht die Mehrzahl, aber noch nie gab es einen Gewinner aus dem Frühjahr), unter den Verfassern sind zwölf Frauen und acht Männer. Und die Verteilung auf die Verlage ist breiter als gewohnt: Achtzehn Häuser haben es geschafft, Titel auf der Longlist zu plazieren; mehrfach dabei sind diesmal nur Hanser und Kiepenheuer & Witsch, jeweils mit zwei Büchern.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Doch nun konkret: Die Titel lauten (alphabetisch nach Autoren sortiert) „Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten!“ von Carmen-Francesca Banciu (PalmArt Press), „Nachtleuchten“ von María Cecilia Barbetta (S. Fischer), „Sechs Koffer“ von Maxim Biller (Kiepenheuer & Witsch), „Wie kommt der Krieg ins Kind?“ von Susanne Fritz (Wallstein), „Unter der Drachenwand“ von Arno Geiger (Hanser), „Die Katze und der General“ von Nino Haratischwili (Frankfurter Verlagsanstalt), „Die Gewitterschwimmerin“ von Franziska Hauser (Eichborn), „Bungalow“ von Helene Hegemann (Hanser Berlin), „Wie hoch die Wasser steigen“ von Anja Kampmann (Hanser), „Jahre später“ von Angelika Klüssendorf (Kiepenheuer & Witsch), „Ein schönes Paar“ von Gert Loschütz (Schöffling), „Archipel“ von Inger-Maria Mahlke (Rowohlt), „Hier ist noch alles möglich“ von Gianna Molinari (Aufbau), „Heimkehr nach Fukushima“ von Adolf Muschg (C.H. Beck), „Hysteria“ von Eckhart Nickel (Piper), „Sültzrather“ von Josef Oberhollenzer (Folio), „Der Vogelgott“ von Susanne Röckel (Jung und Jung), „Dunkel Zahlen“ von Matthias Senkel (Matthes & Seitz), „Gott der Barbaren“ von Stephan Thome (Suhrkamp) und „Eine dieser Nächte“ von Christina Viragh (Dörlemann).

          Welche Überraschungen, was fehlt?

          Davon wurden aufgrund der Resonanz bei Publikum und Kritik schon vorab als Favoriten gehandelt die Bücher von Arno Geiger, Angelika Klüssendorf, Gert Loschütz und Gianna Molinari. Für Überraschungen ist noch jede Buchpreisjury gut gewesen; diesmal darf man Cramen-Francesca Banciu, Josef Oberhollenzer, Susanne Röckel und Christina Viragh als solche bezeichnen – nicht, weil deren Bücher schlecht wären (gerade „Der Vogelgott“ ist sogar ein ausgezeichnetes und darum hier genau richtig plazierter Roman), sondern weil es sich um weniger bekannte Autoren handelt (Banciu, Oberhollenzer – letzterer wohl auch der erste Südtiroler beim Deutschen Buchpreis), oft übersehene (Röckel) oder noch nicht genug als Romanverfasser gehandelte (Viragh, die vor allem als Übersetzerin bekannt ist).

          Und die persönlichen Favoriten? So weit schon gelesen Arno Geiger natürlich, Nino Haratischwili (und wäre es nur als Kompensation für den 2014 sträflich übergangenen Vorläuferroman „Das achte Leben (für Brilka)“), Gianna Molinari, Gert Loschütz. Und was fehlt? Vor allem Michael Lentz mit „Schattenfroh“, aber der hat es der Jury leicht gemacht, sich um diese tausend Seiten reine, wenn auch sperrige Faszination herumzumogeln, denn das Buch trägt als Gattungsbezeichnung nicht „Roman“, sondern „Ein Requiem“. Um Steffen Menschings „Schermanns Augen“ ist es schade, um Robert Seethalers „Das Feld“ auch.

          Immer noch ein wichtiger Faktor für das Buchgeschäft

          Longlist zum Deutschen Buchpreis: Das heißt auch vier Wochen lang Aufmerksamkeit für die darauf vertretenen Bücher, also eine große Chance, ehe sich mit der Bekanntgabe der dann nur noch sechs Titel umfassenden Shortlist am 11. September das Interesse von Buchhandel und Publikum weiter fokussiert. Zuletzt wurde oft bemängelt, dass die Zeitspanne dazwischen zu kurz sei, um zumindest moderate Verkaufserfolge über die Nominierungen zu erzielen – in einigen Bundesländern ist währenddessen zudem noch Ferienzeit. Damit hat sich die Kritik verschoben: vom Klagen über die Konzentration eines ganzen Jahresausstoßes an deutschsprachigen Romanen auf die zwanzig Jury-Lieblinge aufs Klagen über die nachlassende Signalwirkung selbst dieser Heraushebung.

          Wobei mit Robert Menasses Roman „Die Hautstadt“ im vergangenen Jahr ein Sieger gekürt wurde, bei dem das Publikumsinteresse danach wieder Dimensionen erreichte, die an frühere Buchpreisgewinner erinnerten. Und selbst schwer zugänglicher belletristischer Kost hat das Gütesiegel dieses Preises Auflagen beschert, von denen deren Autoren sonst nicht zu träumen gewagt hätten. Die Auszeichnung ist also immer noch ein wichtiger Faktor für das Buchgeschäft. Das Niveau der Longlist dürfte am 8. Oktober, wenn im Frankfurter Römer der diesjährige Siegertitel bekanntgegeben wird, schon lange vergessen sein.

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